Die Gefahr der Vermassung und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, Eigentum und Selbständigkeit, wo sie heute noch vorhanden sind, zu bewahren und entgegen den Konzentrationstendenzen der Zeit neu zu schaffen – dieses bewegende Problem, eine Woche vorher am gleichen Ort von den Haus- und Grundbesitzern bereits nachdrücklich angesprochen, war auch großes Thema der Schulze-Delitzsch-Leute, die in Hamburg ihren "Genossenschaftstag 1952" abhielten. Wenn im Meinungsstreit der Parteien der genossenschaftlichen Unternehmungsform bald vorgeworfen wird, sie sei erwerbswirtschaftlich entartet, oder, sie sei Wegbereiter des Kollektivismus, so zeigten die Tage in der Hansestadt, daß die Genossenschaften als Selbsthilfeorganisation des Mittelstandes auf dem Boden einer liberalen Wirtschaftsordnung gewachsen sind und sich auch heute dazu bekennen. Die Tatsache, daß die Schulze-Delitzsch-Verbände trotz der ihnen durchaus eigenen Wirtschaftsgesinnung, die durch die starke Betonung des Solidaritätsgedankens gegeben ist, innerhalb der Marktwirtschaft ihren festen Standort haben, zeigt, wie weiträumig das Feld unserer Wirtschaftsordnung und wie ausbaufähig sie auch nach der Seite des Sozialen ist.

Auf diesem soziologischen Hintergrund, auf den wohl mit Absicht immer wieder in Hamburg hingezeigt wurde, erhalten allerdings die Vordergrundprobleme dieser Vereinigung des selbständigen Mittelstandes ihr Gewicht. Sie liegen vor allem auf dem Gebiet der Kreditversorgung, die sich deswegen so schwer anläßt, weil, wie betont wurde, der im Gegensatz zur landläufigen Meinung in der Regel nicht kurzfristige, sondern längerfristige Kreditbedarf der mittelständischen Wirtschaft mit dem Mittel des üblichen Handelswechsels nicht, zu refinanzieren ist ("Mittelstandskredit ist der im Zentralbanksystem nicht refinanzierbare Kredit"). Wenn so die Volksbanken gezwungen sind, die Kreditansprüche ihrer Kundschaft vorwiegend aus Eigenmitteln und Einlagen zu befriedigen, so trifft sie die Behinderung des Kreditgeschäfts durch Ausgleichsforderungen und Mindestreserveverpflichtungen besonders empfindlich. Dazu kommen die hohen Außenstände (beim Handwerk allein etwa 1,3 Mrd.) und die ebenfalls nicht zu leugnende Tatsache, daß die öffentlichen Investitionsmittel in den Sog der Großbetriebe geraten sind! Aber: "Wenn Kohle und Eisen die materielle Grundlage der Wirtschaft sind, so ist der Mittelstand das Fundament einer gesunden und sozialen Wirtschafts- und Sozialordnung, Und darum die bekannten, aber deshalb nicht weniger ernst zu nehmenden Forderungen: Vermehrte Bereitstellung von Investitionskrediten für den Mittelstand, Verbesserung der Rediskontmöglichkeiten für mittelständische Kreditpapiere, Gewährung von Krediten an jeden gesunden Betrieb (ohne die bisher üblichen Einschränkungen und Auflagen), Anpassung der Sidierheitsforderungen an die Möglichkeiten des Mittelstandes und schließlich, aber nicht zuletzt: Milderung des Steuerdrucks, der heute eine private Kapitalbildung nicht mehr zuläßt... kr