Lou Andreas-Salome: Lebensrückblick (hrsg. von Ernst Pfeiffer, Insel-Verlag, Wiesbaden, 386 S., 16 Tafeln). Lou Albert-Lasard: Wege mit Silke (S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 189 S., 5 Bildtafeln, Leinen 13,50 DM.)

Nicht nur Stefan George, auch Rilke ist schon zu Lebzeiten Legende und Mythos geworden. Aber während jener die Abgeschlossenheit wollte, hatte Rilke geradezu eine Scheu, aus der Anonymität heraustreten zu müssen. So kam es, daß man von seinem Erdenwandel bisher nur bruchstückweise und recht unvollkommen wußte. Wohl hat Lou Andreas-Salome in dem nachgelassenen "Lebensrückblick" manches aufgehellt, und ihr Bekenntnis, daß zahlreiche Gedichte des "Stundenbuchs", die dort auf Gott bezogen sind, ursprünglich Liebesgedichte an sie selber waren, wird manchen überrascht haben, der in Rilke nur die ätherische Seele sah. Aber solange sie lebte, wahrte sie die Pose einer "mütterlichen" Freundin des an Jahren jüngeren Dichters. Katharina Kippenberg, die Gattin des Verlegers, deren Rilke-Buch in seiner letzten Fassung (1947) bisher maßgeblich war, ist wirklich niemals etwas anderes gewesen als eine mitfühlende Freundin. Wohl sprach auch sie davon, wie problematisch Rilke in seinen Beziehungen Frauen gegenüber war, und führte das Beispiel von Goethes "Wahlverwandtschaften" an, um gewisse Schwierigkeiten zu bezeichnen. Doch hat sie sicherlich nie nach Begebenheiten geforscht, die ihr der Freund nicht selbst anvertraute.

Erst Lou Albert-Lasard, die jetzt in Paris lebende Malerin, zeigt den Dichter als einen Menschen, der hin und her gerissen zwischen Reichtum und Armut, zwischen begeisterter Hingabe und Abwehr, zwischen Entzücken und Entsetzen, in verhängnisvollem gleichzeitigem Begehren sich selbst oft kaum "ertrug" und immer wieder Leid zufügte, weil es ihm nicht gelang, Werk und Leben in Einklang zu bringen – das Werk, das strengste Abgeschlossenheit von der Welt voraussetzte, und das Leben, das einen großen Verschleiß an Menschen und Gefühlserlebnissen mit sich brachte.

Wie Lou Andreas-Salome war auch Lou Albert-Lasard mit einem bedeutenden Wissenschaftler verheiratet, als sie Rilke im Herbst 1914 in Irschenhausen bei München begegnete – nein, als Rilke mit sachter Unwiderstehlichkeit auf sie zukam, die, aus ihrem geliebten Paris durch den Ausbruch des Krieges vertrieben, Ruhe suchte inmitten der Unruhe der Welt. Die plötzliche Anrede – "Gnädiges Fräulein, ich habe Sie doch in Paris gesehen ..." – verwandelte ihr ganzes Leben. Sie wurde für eine Reihe von Jahren Rilkes Geliebte, von ihm, dem zum Schenken Geschaffenen, verwöhnt. Als sie sich das erstemal kurz trennen mußten, gaben sie sich das Versprechen, "immer ineinander weiterzuleben". Rilke hielt es nur einige Tage ohne sie aus und schrieb dann einen impulsiven Brief an ihren Gatten, mit der Bitte um Einwilligung, daß er und Lou gemeinsam in ihrem Atelier leben dürften. Und die Einwilligung kam ...

Doch auch noch, als die von ihm in vielen (hier zum erstenmal veröffentlichten) Gedichten besungene Frau sich von ihm gewandt hat, um sich selber zu retten, fährt sie fort "in Rilkes Welt zu leben". Sie ist unter den wenigen, die auf die Nachricht von Rilkes Tod nach dem Rhonestädtchen Raron eilen, und sie steht dicht neben der einer vor Schmerz unbeweglichen Statue gleichenden Katharina Kippenberg. Ihr Gemälde "Rilkes Begräbnis" (es ist, wie ihr großes Rilke-Porträt, das einzige nach dem Leben gemalte Bildnis Rilkes, in ihrem Buch abgebildet) gibt etwas von der magischen Kraft des geistigen Phänomens wieder, dessen leibliche Existenz hier zu Grabe getragen wurde.

Nie vorher ist Rilke so als Mensch von Fleisch und Blut geschildert worden. Der Dichter hätte, nach Lou Alberts Ansicht, "sein Herz gern in der Liebe ganz verschenkt, wenn er’s vermocht hätte". Aber er vermochte es nicht.

Christian Otto Frenzel