Von Th. Schecker, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schiffswerften e. V.

Seitdem die Werftindustrie keinen wesentlichen Beschränkungen mehr unterliegt, d. h. seit einem nahezu anderthalb Jahre zurückliegenden Zeitpunkt, befindet sie sich auf dem Wege zur Entwicklung ihrer früheren Leistungsfähigkeit. Infolge der nicht ausreichenden Belieferung mit Schiffbaumaterial hat sich der Auftragsbestand ’stark angestaut und eine Größe wie nie zuvor erreicht. Die Werften haben begonnen, ihre technischen Einrichtungen zu vervollkommnen und zu ergänzen; die ersten Schritte zur Wiederherstellung der Dockkapazität sind getan.

Hemmend wirkt jetzt nur noch die nicht ausreichende Eisenbelieferung und neuerdings auch an einigen Plätzen der Mangel an Facharbeitern. Man kann die Hoffnung haben, daß auf diesen beiden Gebieten in einem absehbaren Zeitraum ebenfalls Erleichterungen eintreten werden.

Leider zeigen sich in dem Augenblick, in dem wir glaubten, unsere Kräfte voll entfalten zu können, schon wieder Ansatzpunkte zu einer Entwicklung nach unten. Der eine Sorgenpunkt ist die unlängst eingetretene scharfe Erhöhung der Eisenpreise, insbesondere der für diesen Wirtschaftszweig wichtigen Grobblechpreise. Schon vor der Preiserhöhung im August lagen die westdeutschen Eisenpreise über denen fast aller europäischen Länder. Die Reaktionen der Auftraggeber der deutschen Werftindustrie auf die erheute Erhöhung der Eisenpreise ist in ihrem vollen Umfang noch nicht zu übersehen. In den Fällen, in denen sich die ausländischen Kunden geäußert haben – und das sind zahlreiche Fälle –, ist die Wirkung schlechterdings mehr als besorgniserregend. Ich habe Stimmen von ausländischen Geschäftsfreunden gehört, die erklärten, daß sie das Vertrauen in die Wirtschaftsführung der Bundesrepublik verloren haben; denn vom Ausland her gesehen findet man in einem Augenblick, in dem die anderen Länder die ersten Preissenkungen verzeichnen, kein Verständnis für die Maßnahmen in Westdeutschland.

Von unseren ausländischen Kunden wird mehr und mehr an uns das Verlangen gestellt, Fest-Preisabschlüsse zu machen, da die Werftindustrien in anderen Ländern allmählich wieder zu Festpreisabschlüssen übergegen. Unsere Position auf den ausländischen Märkten ist damit unhaltbar geworden; falls dann noch Lohnkämpfe eintreten, die möglicherweise Lohnerhöhungen nach sich ziehen, dürfte unsere Lage sich einer unabwendbaren Krise nähern.

Die Wirkung auf unsere inländischen Auftraggeber ist ähnlich. Da die Schiffbauprogramme zum großen Teil mit fremden Mitteln finanziert werden müssen, sehen sich die Reeder kaum noch in der Lage, die zusätzlichen Mittel für die Eisen-Preiserhöhungen aufzubringen, und man muß, nach den Unterhaltungen mit unseren Auftraggebern, damit rechnen, daß sie die Programme kürzen werden.

Es kommt weiter hinzu, daß das zuständige Ministerium die Absicht zu haben scheint, die 40prozentigen Bundesdarlehen nicht mehr zu den im "Gesetz über Darlehen zum Bau und Erwerb von Handelsschiffen" (Wiederaufbaugesetz) vorgesehenen Bedingungen zu geben, sondern – wie die Formulierung lautet – diese Darlehensbedingungen zu kommerzialisieren. Daß die deutschen Reeder ihre Flotte mit größtenteils fremden Mitteln aufzubauen beginnen und hierbei mit den Anleihen nach dem Wiederaufbaugesetz gerechnethaben und zusätzliche Belastungen nicht in Kauf nehmen wollen und können, ergibt sich aus den vielen Unterhaltungen, die ich in der letzten Zeit mit deutschen Reedern geführt habe.

Die beiden großen Sorgen, nämlich die zu hohen Eisenpreise und die Gefahr der Verschlechterung der Neubaufinanzierung, sind und waren von den zuständigen Ministerien beeinflußbar. Wenn jetzt die Folgen eintreten, die ich geschildert habe, dann müssen die Werften feststellen, daß nicht sie für die oben geschilderten Auswirkungen verantwortlich waren, sondern daß die Ursachen zu suchen sind erstens in der Eisenpreiserhöhung und zweitens in der Erschwerung der Bedingungen, die an die Hergabe der 40prozentigen Bundesdarlehen gestellt werden.