Von H. Seligo

Die große Pause vor dem dritten Akt, wie die gegenwärtige Ruhe in der internationalen Politik vor der amerikanischen Präsidentenwahl hier genannt wird, dient im spannungsgeladenen Mittelmeeraum dazu, die Verhältnisse zu überprüfen und die Positionen zu verstärken. Ihren in den Monaten des Abwartens, Aufschiebens und der Entschlußlosigkeit errungenen Platz wollen die Völker des Mittelmeeres nicht nur behaupten, sie wünschen auch, wenn das Spiel weitergeht, so in sich gefestigt zu sein, daß man sie nicht einfach übergehen kann. Wieweit diese Erstarkung des Selbstbewußtseins das Resultat der amerikanischen Rücken- und Budgetstärkung ist, ja sogar amerikanischer Interventionen innerpolitischer Art, läßt man dahingestellt. Man lobt die Amerikaner nicht und man tadelt sie nicht, sondern nimmt sie wie das Schicksal selbst. Daneben freilich entwickelt sich ein Gefühl dafür, daß das amerikanische Interesse vielleicht allzu wandlungsfähig ist; schon,spürt man die kommenden Sparmaßnahmen und die deutliche Verlangsamung des amerikanischen Tempos.

Gewiß können die USA und Großbritannien auch heute noch jedes der Mittelmeerländer als isoliertes Problem in bezug auf die militärische und wirtschaftliche Hilfswürdigkeit behandeln. Aber diese so verschiedenartigen Völker haben die one worW-Konzeption Washingtons begriffen oder werden wenigstens durch Rundfunkpropaganda und militärische Kommissionen so nachdrücklich mit der Nase daraufgestoßen, daß sie ihren eigenen Mikrokosmos des Mittelmeeres als eine notwendigerweise weit enger zusammengehörende Welt zu betrachten lernen. Mit eingeborenem Instinkt für die Unbeständigkeit politischer Konstellationen möchten sie imstande sein, ihre Selbständigkeit, ihren Lebensraum und sogar ihre Lebensgewohnheiten ohne den Dollarhintergrund zu verteidigen. Gewiß, man stützt sich, ja man verläßt sich auf die gegenwärtige Hilfe aus USA und sogar auf das Wohlwollen und die Intelligenz Europas, aber man tut es, um die eigenen Ziele zu fördern. Sie alle wollen Selbständigkeit, aber nicht die mit Bedingungen gespickte, nicht die mit "pandemokratischer" Auflage eines importierten Parlamentarismus. Selbst der westlich- zivilisierte Lebensstandard ist für sie als Wertmaßstab zweifelhaft geworden, und die Kunst des Lesens und Schreibens besagt ihnen noch nichts über den Grad von Intelligenz. Die kostspieligen Mittel des Westens dienen somit nur der Renaissance des eigenen traditionellen Volks- und Geistesgutes.

Es sind deshalb nicht nur die weisen Männer aus USA und England, die in dieser großen Pause die Fäden ihrer Besuche mit vielversprechenden Unterredungen und losen Zusagen kreuz und quer über den Mittelmeerraum ziehen. Die Fühlungnahme der mediterranen Nachbarn untereinander ist nicht weniger im Fluß. Man traf sich vielmehr mit intimer Diskretion zur Sondierung, Information und Anbahnung von Beziehungen, die früher als bedeutungslos erachtet worden wären, die heute aber einen Integrierungsprozeß bedeuten.

Für das neugewonnene Selbstgefühl der Mittelmeerländer scheint es keinerlei schwerwiegende Interessengegensätze mehr zu geben, wenn man einmal vom Balkan und von Israel absieht. Längst bilden Christentum und Mohammedanismus keinen politischen Antagonismus mehr. Wenn Francos alter Gegner, Kardinal Segura, Erzbischof von Sevilla, sich in seinem antimohammedanischen Hirtenbrief gegen den gegenwärtigen spanischen Freundschaftskurs mit den arabischen Ländern ereifert, so handelt es sich in Wirklichkeit nur um den Wuasch, die monarchische Restaurationsbewegung mit einem katholisch-religiösen Absolutismus zu untermauern. Umgekehrt sind gelegentliche Haßgefühle des nordafrikanischen Islams und des Orients gegen die christliche Zivilisation ebenfalls unreligiöser Natur. Sie richten sich vielmehr gegen den unterschiedlichen sozialen Status des Fremden, mit dem er ihnen einfach alles, ja selbst die strenge Abgeschlossenheit des Privatlebens und die Einfalt des Wüstenhimmels nimmt, je mehr die "Coca-Kolonisierung" triumphierenden Einzug hält. Auch die Heranziehung erheblicher Bevölkerungsteile zum Mitgenuß des technisierten, motorisierten und hygienisierten Lebensstils ist keine Lösung, wie sich schon vielerorts zeigt. Selbst in den breiten Schichten der südeuropäischen Halbinselländer sieht man in der Invasion der westlichen Zivilisationsgüter nur etwas vorübergehend Oberflächliches wie den allabendlichen Film selbst, demgegenüber sich das eigene Kulturgut, wenn auch in primitiver Form, immer wieder durchsetzt. Der erstaunlich einheitliche ländliche Lebensstandard rund um das ganze Mittelmeer wirkt sich als ein soziales Bindeglied aus. Der spanische Soldat und Verwaltungsbeamte, in Marokko unterscheidet sich in seinen Lebensansprüchen nicht wesentlich von den einheimischen Soldaten und Beamten in spanischem Dienst, der portugiesische Offizier oder Veterinär kennt keinen diskriminierenden Unterschied zu den farbigen Kollegen in Afrika oder Brasilien, und der italienische Siedler kam mit den arabischen Eingeborenen in Tripolitanien und der Cyrenaika – trotz Mussolinis Herrenanspruch – vorzüglich aus, weil zwischen seinem sozialen Lebensanspruch und dem dortigen keine unüberbrückbare Kluft war.

Alle diese Bindungen wiegen heute entscheidend in den so verschiedenartig disponierten Mittelmeerländern und erweisen sich sogar stärker als die kommunistischen Bemühungen, aber auch als die theoretische antikommunistische Front. Sie haben bereits ein Eigengewicht erhalten, das von einem Artikel in Ariba beleuchtet wird, der charakteristisch für das heutige Denken in diesen Regionen überhaupt ist.

Nehmen wir einmal an, so heißt es darin, daß der Antikommunismus wirklich triumphiert. Was haben wir dann? Wo sind die moralischen Werte, die uns auch nur das Minimum an Vertrauen geben, ohne das alle Opfer nutzlos bleiben. Welche Garantien bietet man uns gegen die Willkür der dann Mächtigen? Im inneren Leben eines jeden Landes gibt es die nationale Tradition mit den auf ihr basierenden rechtlichen Einrichtungen. Sie bilden für uns eine hinreichende Garantie, daß jeder Bürger zu einem beteiligten Element der gemeinsamen Sache des Volkes und seiner moralischen Grundlagen wird. Auf der internationalen Ebene aber müssen Tradition und Rechtsgrundlagen erst noch geschaffen werden, und die Initiative dazu kann nur von den machtvollen Staaten kommen und die schwächeren überrennen. Tatsächlich ist die internationale Zusammenarbeit gar nicht so sehr von außen her gefährdet als vielmehr von der inneren Haltung der Nationen selbst. Die Krise, die im ’Kampf zwischen Kommunismus und Antikommunismus zum Ausdruck kommt, ist lediglich der erweiterte Ausdruck der historischen sozialen Krise eines jeden Landes, wodurch die Notwendigkeit für die moralische Erneuerung offenbar wird. So gesehen, entscheidet sich die Zukunft in erster Linie durch die inneren Maßnahmen einer jeden einzelnen Nation. Und für diese notwendige innere Erneuerung der großen nationalen Tradition bedeutet das materielle Machtpotential irgend eines anderen Landes überhaupt nichts.

Diese Stellungnahme einer der führenden antikommunistischen Zeitungen Spaniens hat auch in den Nachbarländern ausgesprochenen Beifall gefunden. Sie richtete sich gegen eine kürzlich in New York gemachte Feststellung, es komme ja doch nur immer darauf hinaus, daß Amerika mit genügenden Geldmitteln die Hilfeleistung der Mittelmeerländer in der antikommunistischen Front bezahle, und das sei in der heutigen Politik alles. Tatsächlich gibt es wohl am ganzen Mittelmeer kein Land, das nicht eine solche Einstellung der mächtigen USA als grundfalsch ablehnt, und die Ereignisse in den letzten Monaten zeigen, daß diese Mittelmeerländer unter sich auch in dieser Auffassung einig sind.