Von Walter Fredericia

Konstanz, im SeptemberDreihundert Meter vom Konstanzer Fährehafen steht eine Tafel: "Zum Zeltlager". Auf der schmalen Zufahrt geht es lebhaft her. Schon am frühen Morgen donnern die Motorräder hinauf nach Allmannsdorf, sausen Radfahrer in großem Tempo den Berg hinunter zum Lager. Vor einigen Jahren war es hier draußen, abgesehen von der Hauptverkehrsstraße, die zur Bodenseefähre führt, noch still und friedlich. Jetzt ist der Teufel los. Der Verkehr hat diesen kleinen Vorort von Konstanz überwältigt. Es ist ein Verkehr neuer Art, und er spiegelt den großen soziologischen Umschichtungsprozeß wider, der nach dem Kriege eingesetzt hat. In Konstanz kann man diesen neuen Verkehr vorzüglich studieren. Denn die Konstanzer Bodenseefähre, die vielleicht ein Drittel aller Straßenfahrzeuge in die Stadt bringt, liefert jeden Tag eine genaue Verkehrsstatistik. Zudem hat Konstanz kein Hinterland, auf das sich der Verkehr verteilen könnte. Wer kommt, bleibt hier oder fährt in die Schweiz, denn die Stadt ist vom See und von der Schweizer Grenze umschlossen. Wer aber in die Schweiz fährt, wird an den beiden Grenzübergängen ebenso von der Statistik gefaßt wie vorher auf der Fähre. Der Verkehr über die Schweizer Grenze hat neuerdings einen erstaunlichen Umfang erreicht. Im Juli wurden auf den Konstanzer Übergängen täglich im Durchschnitt nicht weniger als 5500 Kraftfahrzeuge und 30 000 Personen abgefertigt, wovon allerdings 25 000 auf den "kleinen Grenzverkehr" der Konstanzer und der Bodenseebevölkerung entfallen. Die anderen 5000 fahren mit Pässen und meist mit Autos. Man staunt, daß die Zollämter diese tägliche Völkerwanderung, die im August an einzelnen Tagen noch weiter anschwoll, bewältigen können.

"Eine trunkene Reiselust" ist über die Deutschen gekommen, sagte ein Konstanzer Verkehrsfachmann, und der Bodensee ist eines der bevorzugten Ziele. 1951 erreichte die Zahl der Übernachtungen nahezu die Höhe des Rekordjahres 1937. Eines aber hat sich geändert: die Struktur des Fremdenstromes. Eine Abwanderung "vom Hotel zum Gasthof, vom Gasthof zum Privatzimmer und vom Privatzimmer zum Zelt" findet statt. Zwar sind auch Hotels und Gasthöfe meist voll belegt, und von Mitte Juli bis Mitte August mag es schwer sein, ohne Vorbestellung auch nur ein Privatquartier zu finden. Dennoch ist der Umschichtungsprozeß, der sehr bedeutende und für jeden am Fremdenverkehr Interessierten wissenswerte Umsatzverlagerungen mit sich bringt, ganz unverkennbar. Mittelstandsfamilien, Beamte, Angestellte, Angehörige der freien Berufe, die früher in Hotels und Gasthöfen wohnten, wenn sie ihre Ferien in Konstanz und Umgebung verbrachten, sind in die Privatquartiere umgezogen, wo sie billiger wohnen und überdies für Frühstück und Abendbrot selbst sorgen können. Deshalb sind die Gaststätten des Abends nicht so stark besucht, wie man bei dem Verkehrsaufschwung erwarten sollte. Hier sieht man deutlich die wirtschaftliche Deklassierung des Mittelstandes, der seine Sommerquartiere hauptsächlich zugunsten der mittleren Geschäftsleute und kleinen Unternehmer räumen mußte, die nach der Währungsreform gut verdient haben. Gleichzeitig aber tritt ein neues Phänomen auf: der Arbeiter hat angefangen, zu reisen. Er nimmt nicht nur am "konfektionierten Reiseverkehr" der Sonderzüge (die sehr billig sind, zum Beispiel Hamburg–Konstanz–Hamburg samt zwölf Übernachtungen mit Frühstück 107 DM) und der Autobusgesellschaften teil, sondern er fährt mit der Urlaubsrückfahrkarte und – was sehr charakteristisch ist – mit dem eigenen Motorrad. Nicht das Auto, sondern das Motorrad hat im Reise- und Ferienverkehr die erstaunlichste Entwicklung genommen. In Konstanz, das seine Fährenstatistik hat, sieht man das deutlich. Die Bodenseefähre beförderte:

1938 1949 1950 1951

Autos 92 000 131 000 150 000 188 000

Krafträder 19 000 38 000 57 000 91 000

Von 1938 bis 1951 hat sich die Zahl der beförderten Autos verdoppelt, die der Motorräder aber verfünffacht. Und in den ersten drei Augustwochen 1952 beförderte die Fähre bereits ebensoviel Motorräder (1350 im Tagesdurchschnitt) wie Autos.