Herbert Butterfield: Christentum und Geschichte (Aus dem Englischen von Dr. Sylvia Erdmann, Engelhornverlag Adolf Spemann, Stuttgart, 176 S., Leinen 9,80 DM.)

Im landläufigen Urteil der deutschen Gebildeten hat das englische Denken das Prädikat "nüchtern" bekommen, mit leicht abschätzigem Unterton. Nun soll gewiß nicht bestritten werden, daß Swift ein nüchternerer Autor ist als Klopstock oder Jean Paul und daß es in den Schriften Bertrand Russells nüchterner zugeht als in denen von Martin Heidegger. Aber es ist nicht einzusehen, inwieweit Nüchternheit eines Denkers den Ergebnissen seines Denkens nachteilig sein soll. Schwung und Emphase sind nicht unbedingt förderlich, wenn es sich um Bewältigung verwickelter Fragen handelt, und ein mächtiger Prophetenton kann wohl faszinieren, aber auch verblenden.

Eine gute Dosis englischer Nüchternheit täte heute in Deutschland deshalb not, weil hier Überschwenglichkeit und Fahrigkeit noch lange nicht genügend abgebremst sind. Angesichts so vieler Spekulationen über den tieferen Sinn der Geschichte etwa tut es wohl, bei Herbert Butterfield, dem Cambridger Historiker, einen Satz zu lesen wie diesen: "Die Geschichte gleicht nicht einem fahrenden Zuge, der die einzige Bestimmung hat, an sein Ziel zu gelangen; sie gleicht auch nicht der Vorstellung, die mein jüngster Sohn von ihr hat, wenn er 365 Tage bis zu seinem nächsten Geburtstage zählt und sie alle als lästiges und bedeutungsloses Zwischenspiel betrachtet, das man nur erdulden muß im Hinblick auf das, was es am Ende bringt."

Butterfield entwirft nicht wie Toynbee ein Gemälde der Weltgeschichte. Er stellt nur die ganz bestimmte Frage, wie kritisch-nüchternes Geschichtsbewußtsein und christlicher Glaube zusammenstimmen, und kommt zu dem ebenso überraschenden wie einleuchtenden Ergebnis, daß auch der Historiker, wofern er nicht der Selbstgerechtigkeit verfällt und sich übernimmt, "kein abschließendes moralisches Urteil über bestimmte Menschen abgeben kann, es sei denn in den einen Sinne, daß er sagen kann: ‚alle Menschen sind Sünder‘".

Es gibt nämlich wirklich das, was Hegel die "List der Vernunft" nannte: aus Guten kann Böses kommen, aus Bösem Gutes. "Die Vorsehung läßt sich nicht herausfordern" – weder durch die Idealisten, die aus der Erde ein Paradies machen, noch durch die Titanen, die alles ihrem Willen unterwerfen möchten. Sie überlebt alle – nicht nur Hitler, sondern auch seine Besieger.

Die guten Möglichkeiten des Menschen nicht zu überschätzen, die schlechten nicht für austilgbar zu halten, keinen Fortschritt als endgültig, aber auch keine Katastrophe als irreparabel anzusehen – das lehrt die nüchterne Betrachtung der Geschichte. Und das ist auch, wie Butterfield zeigt, die Lehre, die der christliche Glaube zu geben hat: "Halte dich zu Christus, und im übrigen lege dich in keiner Weise fest."

Christian E. Lewalter