Von Indro Mortanelli

Nachdem Dino Grandi, Exminister und Exgesandter des Faschismus, sich endlich entschlossen hat, sein neunjähriges Schweigen zu brechen und in einer römischen Zeitung die Wahrheit über jene berühmte letzte Sitzung des Großrates des Faschismus in der Nacht auf den 25. Juli 1943 zu veröffentlichen, fühle auch ich mich von einer Schweigepflicht entbunden, die mir Grandi bei unserer Begegnung in Estoril auferlegte. Einen Journalisten zum Schweigen zu verpflichten, ist ein schwieriges Unterfangen, ihn aber, auch nachher dieses Schweigen einhalten zu lassen, ist beinahe eine Unmöglichkeit. Grandi gelang es. Er hat mir bei unseren späteren Begegnungen nie dafür gedankt, und mir ist nie der Gedanke gekommen, daß er es hätte tun sollen.

Damals, 1946, veröffentlichte die Weltpresse noch jeden Tag Indiskretionen über ihn. Die Faschistische Republik von Said hatte ihn in Abwesenheit als Verräter zum Tode verurteilt, und die neue demokratische Regierung Italiens verlangte seine Auslieferung als Kriegsverbrecher. Ich setzte wenig Hoffnung auf seine Antwort, als ich ihm von Madrid aus schrieb und um ein Zusammentreffen bat, aber gegen alle Erwartung gen lud er mich ohne weiteres zu sich nach Portugal ein.

Als ich seine Zusage Ralph Forte, dem Direktor der United Press in Madrid, zeigte, faßte der mich am Rockkragen, schob mich in sein Büro und verschloß die Tür fest hinter uns. Sein Vorschlag war, mir einen regelrechten Vertrag für die Ausschließlichkeit der Veröffentlichung anzubieten über das, was der Exminister von jener historischen Sitzung aussagen würde, in der Mussolini zum erstenmal von seinen eigenen Anhängern überstimmt wurde, und so der König in die Lage kam, ihn am nächsten Tage zu verhaften, Badoglio als seinen Nachfolger einzusetzen und die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten aufzunehmen. Damals war das Interesse an diesen Vorgängen in der ganzen Welt noch sehr rege, und die Zahl, die mir Forte für einen ausführlichen, von Grandi unterzeichneten Bericht anbot, war so ansehnlich, daß ich mich davon für den Rest meines Lebens hätte zur Ruhe setzen können.

Grandi holte mich amnächsten Tage kurz nach meiner Ankunft vom Hotel ab. "Bist du aber jung", rief er aus, als ich mich ihm vorstellte und bot mir mit Selbstverständlichkeit das Du an. Ich hätte ihn kaum erkannt, in Zivil und ohne den berühmten Spitzbart sah er sehr viel jünger aus. Schon nach den ersten zehn Minuten hatte ich ihm den Vorschlag von Forte mitgeteilt. Er lachte nur: "Du bist nur der letzte einer langen Serie. Manchmal denke ich, daß der Grund, warum mich die Presse täglich angreift, der ist, daß ich mich immer geweigert habe, etwas über jene Vorgänge mitzuteilen."

In seinem Hause fiel mir das Fehlen eines Schreibtisches auf. "Wo schreibst du?" fragte ich ihn. "Ich schreibe überhaupt nicht", antwortete er. "Wieso?" erwiderte ich verblüfft und dachte an all die vielen Exminister, die augenblicklich nichts anderes taten. Er begann zu lachen. "Als ich nach der Sitzung des Großen Rates damals zum König ging, sagte ich ihm, daß ich meine politische Karriere als beendet ansähe. Niemand glaubte es mir, wahrscheinlich nicht einmal der .König. Ja, man wirft mir sogar vor, daß ich Mussolini nur deswegen gestürzt hätte, um mich an seine Stelle zu setzen. Vielleicht wird die Wahrheit doch noch einmal zum Vorschein kommen, jetzt ist es unnötig, weitere Enthüllungen den vielen falschen, wahren und halbwahren hinzuzufügen. Ich wiederhole dir jetzt das, Was ich auch dem König sagte, daß ich nämlich mit dem Faschismus begonnen habe und mit ihm ende. Der 25. Juli Mussolinis war auch meiner. Jetzt bin ich nur ein einfacher Auswanderer, der auf sein Visum nach Südamerika wartet, und kein Exminister oder Exgesandter mehr."

Er sprach ohne Schwermut und ohne das Bedürfnis, Bewunderung oder Mitleid zu erregen. Unvermittelt sagte er dann: "Ich wollte mit dir sprechen und habe dich herkommen lassen, nicht etwa, um dir die Vorgänge des 25. Juli zu erklären, hinter denen alle deine Kollegen her sind, sondern mir liegt etwas viel Wichtigeres auf dem Herzen." In kurzen Zügen umriß er mir dann die Geschehnisse jener dramatischen Sitzung, sein Gespräch mit dem König und alle jene Dinge, die kürzlich ans Tageslicht gekommen sind, dann fuhr er fort: