Bonn stellt Fragen

In der letzten Zeit sind viele Veröffentlichungen über die Fremdenlegion in Deutschland erschienen. Es war anzunehmen, daß man sich in der Sowjetzone gegen eine Truppe wenden würde, die einen "imperialistischen" Krieg im Fernen Osten führt. Aber auch in Bonn sind Fragen gestellt worden, und in Anbetracht der vielleicht bevorstehenden Einigung über die Europa-Armee wird es unvermeidlich sein, daß die weitere Rekrutierung von Deutschen für die Legion zum Gegenstand öffentlicher Erörterung in Westeuropa wird. Daher ist es besonders wichtig, die Frage der Legion in der richtigen Perspektive zu sehen und keine falschen Schlußfolgerungen zu ziehen.

Grob gesagt, gibt es zwei Weisen, die Legion zu betrachten. Man kann sie einerseits als ein malerisches Überbleibsel französischer militärischer Tradition ansehen, als Nachfolgerin der Söldnertruppen aus dem alten bourbonischen Königreich, als Kolonialtruppe von "vergessenen Männern". Auf der anderen Seite ist es aber auch möglich, sie als Vorstufe einer internationalen Armee zu betrachten, die die Bürger eines sich mehr und mehr einigenden Kontinents zum Zweck von Kriegen und anderen Aufgaben von internationaler Bedeutung zusammenfaßt. –

Es ist wohl wahr, daß viele Legionäre der zwar nicht unnatürlichen, aber doch kaum gerechtfertigten Neigung unterliegen, beide Haltungen zur gleichen Zeit einzunehmen, um sich dadurch eine besonders gute Position zu sichern. Einige möchten allen Verantwortungen und Pflichten in ihrer Heimat enthoben sein und erwarten doch, daß ihre Landsleute ihre Interessen wahrnehmen und, wenn nötig, bei der französischen Regierung ihretwegen vorstellig werden.

Es ist aber auch bei den französischen Behörden die Neigung vorhanden, beide Haltungen gleichzeitig einzunehmen. "Unsere alte Legion", sagen sie, "gehört ausschließlich Frankreich, das diesen Männern eine Zuflucht gewährt, und was ihnen dort geschieht, geht niemanden in der Welt etwas an." Daher bleibt die Legion in mancher Hinsicht altertümlich und auf Geheimhaltung begründet. Nichtsdestoweniger benutzen die Franzosen ihre "alte Legion" mehr und mehr als eine ganz moderne Truppe, als wichtigen Bestandteil ihres gesamten Verteidigungssystems. Sie haben Rekrutierungsbüros im Ausland eingerichtet. Sie haben Kriegsgefangene und politische Flüchtlinge in großen Mengen zu der Legion zugelassen. Sie verlangen und bekommen jetzt auch sehr viel Ausrüstung aus dem Ausland, und ein Teil dieser Ausrüstung ist zum unmittelbaren Gebrauch der Legion bestimmt. Sie treffen sogar Vorkehrungen, um diese "vergessenen Männer" in ausländischen Häfen auszuschiffen, aber sie erwarten, daß die britischen und anderen Behörden ihnen die deutschen und andere Legionäre wieder ausliefern, für den Fall, daß diese es vorziehen sollten, in dem Hafen zu bleiben. Und selbstverständlich stellen sie ununterbrochen Fragen an die Legionäre. Wenn sie die sehr verschiedenartigen Erfahrungen dieser Männer zweckmäßig verwerten wollen, ist es gewiß notwendig, herauszufinden, was sie früher getan haben. Aber an die französischen Behörden selbst darf man auch nicht eine einzige Frage stellen.

Mit einem Wort: sie möchten eine internationale Armee haben, aber ohne internationale Kontrolle. Vielleicht war dies der ursprüngliche Gedanke, der hinter dem Pleven-Plan für eine Europa-Armee stand.

Deutsche notwendig