Wer von uns weiß wohl, wieviel Versehrte es in Deutschland gibt, die im Kriege oder durch Unfall in Arbeit und Beruf ihre Gliedmaßen verloren haben und nun unter harter körperlicher Behinderung mit den Mühen des Alltags fertig werden müssen? Nicht weniger als 150 000 Beinamputierte leben in der Bundesrepublik, und diese Zahl allein zeigt schon zur Genüge, wie groß das Leid und das Elend ist.

Wer von uns weiß auch, wie drückend das Gefühl ist, ein Krüppel zu sein? Ein Gefühl, das einem Spannkraft und Leistungsfähigkeit und damit die Freude am Dasein rauben kann. Mit Mitleid allein ist nichts getan. Im Gegenteil. Wir wissen aus Erfahrung, wie furchtbar es immer war, wenn wir auf unserem Krankenlager oder beim ersten Ausgang mit den monströsen Verbänden immer nur bedauert wurden. Mochten die teilnahmsvollen Worte noch so gut gemeint sein, man mochte sie nicht mehr hören. Hier mußte ganz anders geholfen werden. Die Hauptsache war, den Unglücklichen jegliche Hemmung zu nehmen und ihnen das Gefühl ihrer Vollwertigkeit wiederzugeben.

Das ist wahrscheinlich auch Sinn und Ziel aller Bemühungen der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Versehrtensportler. Sie veranstaltete unlängst in List auf Sylt ein großes Sportfest, das ob seiner vielen menschlich sehr nahegehenden Bilder auch den gefühllosesten Zuschauer packen mußte. Nicht nur die oft erstaunlichen Leistungen waren es, die alle begeisterten (ein Unterschenkelamputierter sprang 1,73 m hoch, ein anderer gewann das 50-m-Kraulschwimmen in der ausgezeichneten Zeit von 31,9 Sekunden), sondern noch mehr der Fleiß und die Zähigkeit, mit der man hier den Kampf gegen körperliche Mängel, gegen sich selbst, gegen die Resignation aufgenommen hatte.

Gemeinhin glauben die Menschen von heute, der Sport sei nur dazu da, die körperlichen Kräfte zu steigern, den Gesunden gesund zu erhalten und allenfalls ein Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten und Gebrechen zu sein. Es war vergessen, daß seit Jahrtausenden schon die ärztliche Kunst den Heilwert des Sportes erkannt hatte, daß man durch ihn auch gebrochene Glieder wieder brauchbar und tüchtig machen konnte. Des großen Hippokrates Lehrer, Herodikusvon Selymbria (dem und dessen Heilform kein geringerer als Plato im dritten Buch seines "Staates" ein hohes Ruhmeslied singt), hat das Verdienst, auf die mannigfachen Vorzüge der Leibesübungen zur Nachbehandlung Schwerverletzter und Verkrüppelter hingewiesen zu haben. Woran es gelegen haben mag, daß man sich seiner erst in unseren Tagen wieder erinnerte, ist schwer zu sagen. Es spielt auch keine Rolle, denn heute ist die Gymuastica medica‚ die neben allen ärztlichen Fragen, die beim Sport auftreten, auch die Heilwirkung der Leibesübungen zusammenfaßt, ein fester Bestandteil der ärztlichen Wissenschaft. Wir nennen das "Sportmedizin", und diesen Begriff prägte ein alter deutscher Olympiakämpfer von Athen und London, Dr. Arthur Mallwitz, der schon im ersten Weltkriege im Lazarett von Göhrden bei Brandenburg an der Havel eine neuartige Nachbehandlung mit Leibesübungen für Verwundete einführte und bereits ein Versehrtensportfest veranstaltete, das jeden in größtes Erstaunen versetzte.

Heute sind die damaligen Leistungen natürlich längst überboten, auch wenn der reine Wettkampf natürlich in keiner Weise Inhalt des Versehrtensportes ist. Seine Aufgaben liegen auf einer viel höheren Ebene, er hat ganz andere Aufgaben zu erfüllen, als etwa deutsche oder internationale Versehrten-Meister zu finden. Er soll dem Menschen wieder ein neues seelisches und körperliches Kraftgefühl einflößen und ihnen Hoffnung zum Leben geben. Wenn ein Doppelbeinamputierter zum Beispiel wieder schwimmen kann, fallen von ihm automatisch die vielfachen Depressionen ab, denen er unterworfen ist, und er gewinnt sein natürliches Selbstbewußtsein zurück. Ein Blinder, der, wie es in List der Fall war, allein nach dem Gehör läuft, indem der Schall einer Fahrradglocke ihm die Richtung weist, und für 100 Meter nur 12,8 Sekunden benötigt, muß ohne weiteres das Vertrauen zur eigenen Kraft wiedererlangen und sich zu immer neuen Anstrengungen befähigt fühlen, ein vollwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Die Erkenntnisse unserer Zeit weisen unseren Ärzten und Betreuern, die sich in vielen Schwerbeschädigten-Sportheimen und in heilgymnastischen Kursen um diese Benachteiligten und Gehemmten kümmern, die Wege, und was in stiller Arbeit bislang geleistet worden ist, das konnte man wieder einmal bei dem letzten Versehrten-Sportfest sehen. Es muß das Bestreben sein, wie es einmal ein so erfahrener Sportarzt wie Professor Dr. Wolfgang Kohlrausch gesagt hat, "den Mann geschickt zu machen, sich im Leben wieder durchzusetzen. Damit stellen wir ihn wieder in die Gemeinschaft". Die gleiche Idee, die auch den Dänen Stig Guldberg bei seinem menschenfreundlichen Werk der Betreuung schwerversehrter Kinder beseelt,

Walther F. Kleffel