Das Gesundheitsministerium der Sowjetzone hat angefragt, ob die Entsendung von 10 000 Ärzten aus der Bundesrepublik möglich sei. Was mag das kommunistische Ministerium, dem das Wohl seiner Schützlinge im allgemeinen nicht viel Kopfzerbrechen verursacht, bewogen haben, sich von den "imperialistischen Kapitalistenknechten" Ärzte ausborgen zu wollen? Und dies zu einer Zeit, da westdeutsche Bürger entführt, der Verkehr von Berlin nach den Westzonen immer mehr behindert und die Sowjetzone systematisch und hermetisch vom Westen abgeschlossen wird?

Es ist ein typisches und trauriges Zeichen für den Argwohn, der alle politischen und menschlichen Beziehungen unserer Zeit beherrscht, daß bei der Bitte um Entsendung von Ärzten die erste Reaktion die ist: ob sie sie wohl zu Funktionären und Agenten in ihrem Sinne mißbrauchen wollen oder was sonst kann sie zu dieser Bitte veranlaßt haben. Daß diese Ärzte vielleicht wirklich die Not der Ostzonenbevölkerung lindern sollen, dieser Gedanke erscheint einem erst in zweiter Linie annehmbar. – Wie gering aber die Chance hierfür auch sein mag, selbst wenn es nur einigen von ihnen gelingen sollte, wirkliche Hilfe zu bringen (und wie wenig können wir für die dortigen Menschen tun) würde dies dafür stehen, der Bitte nachzukommen. Es ist unser Vorrecht Samariter zu sein für die, die unter die Mörder gefallen sind. Dff