In der vorigen Woche fand in Genf ein Papyrologenkongreß statt, bei dem Dr. Rolf Ibscher, der Sohn des bekannten ehemaligen Konservators der Berliner Museen, Dr. h. c. Hugo Ibscher, über die Fortschritte berichtete, die er in seiner Restaurierungsarbeit an den Manichäischen Handschriften in London letzthin erzielt hat. Dr. Ibscher wird im Oktober wieder seine ständige Arbeit in Berlin aufnehmen. Die von ihm restaurierten Papyri werden von Professor Polotzky wissenschaftlich ausgewertet und herausgegeben. Im folgenden geben wir unseren Lesern einen Einblick in den Sinn und Wert der ebenso schwierigen wie interessanten Tätigkeit des Papyrologen.

Es ist eine alte Weisheit, daß die Zeiten sich ändern, die Menschen aber sich in ihren Grundempfindungen gleichbleiben. Da schreibt beispielsweise schon einige Jahrhunderte v. Chr. der Knabe Theon aus Ägypten an seinen Vater in unverkennbarer Entrüstung: "Das hast Du schön gemacht, nicht mitgenommen hast Du mich in die Stadt! Wenn Du mich nicht mitnehmen willst nach Alexandreia, schreibe ich Dir keinen Brief, spreche nicht mit Dir und wünsche Dir keine Gesundheit." Auch die Worte eines einsamen Liebhabers sind heute keine anderen als lange vor unserer Zeitrechnung: "Du sollst wissen, seitdem Du von mir gingst, trug ich Trauer, bei Nacht mit Weinen, bei Tag mit Trauern. Seitdem ich mit Dir badete, habe ich nicht gebadet, und Du hast mir Briefe geschickt, die einen Stein bewegen könnten, so haben mich Deine Worte ergriffen." Sogar Rechnungen, Eheverträge, Dokumente aller Art, Geschäfts- und amtliche Akten, Dichtungen und religiöse Schriften erzählen uns über Jahrtausende hinweg von jenen längst vergangenen Menschen, von dem wechselvollen Geschick ihrer Zeit, wie sie dachten und wie sie lebten. Die Tragik eines durch Naturkatastrophen seiner Habe beraubten Bauern ferner Zeit tritt uns beim Lesen der folgenden Sätze entgegen: "Wisse, daß unser Land überflutet worden ist, und wir haben nichts, nicht einmal Nahrung für unser Vieh. Du wirst also gut tun, erstens den Göttern zu danken, und zweitens viele Leben zu erhalten, indem Du mir bei Deinem Dorfe für unsere Nahrung fünf Aruren Landes suchst, damit wir davon unsere Nahrung haben." Genau wie heute führte man damals schon Beschwerde über einen Diebstahl, und in einer sechs Meter langen Schriftrolle fanden wir eine beängstigende Parallele zu Umfang und Langsamkeit heutiger Aktenführung. Eine unter der Bezeichnung Dionysos-Spende verordnete Sondersteuer entbehrt nicht eines politischen Beigeschmacks. Wir sehen weiter, wie einmal Feste gefeiert wurden, wie die Kleidung der Frauen und Männer sich im Laufe der Zeit wandelte, wie man sich frisierte und wie man sich schminkte, welche erhebliche Bewegungsfreiheit die Frau im alten Ägypten besaß, wie sie rechtlich ziemlich selbständig war und im Kreis der Männer verkehrte, bis die Griechen ihre Anschauungen von den rechtlichen Schranken und der gesellschaftlichen Zurückhaltung der Frau mitbrachten und zum Teil auch durchsetzten. Und nachdenklich oder amüsiert stellen wir fest, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt.

Es scheint uns selbstverständlich, dies alles zu wissen, als ob es gar nichts Besonderes wäre. Daß Wissenschaftler die alten Schriftzeichen, die es uns überliefern, lesen können, ist uns durchaus begreiflich. Aber worauf wurden diese Zeichen ehedem geschrieben und wodurch sind sie über Tausende von Jahren erhalten geblieben?

Die alten Ägypter benutzten ebenso wie die anderen Völker etwa vom dritten Jahrtausend v. Chr. an bis tief ins Mittelalter das Papyrusblatt, bis es durch das von den Arabern eingeführte Papier verdrängt wurde. Nur was für die Öffentlichkeit und für die Ewigkeit bestimmt war, wurde in Stein geschrieben. Die Stengel der Papyruspflanze schnitt man in Streifen. Sie wurden in je zwei Schichten zusammengepreßt und so geglättet, daß sie dem mit einer unvergänglichen Rußtinte Schreibenden kein Hindernis boten. Es gab besonders feine Papyri, die unserem heutigen Dünndruckpapier vergleichbar sind. Daß gerade Ägypten viele Tausende solcher Schriftstücke bis auf den heutigen Tag bewahrt hat, ist kein Zufall. Der Wüstensand deckte verlassene Ortschaften, den zurückgelassenen Hausrat nebst allem überflüssigen Geschriebenen schnell zu und konservierte dadurch die Papyri bis zur Neuzeit, wo sie durch zufällige Funde, später durch wissenschaftlich geleitete Ausgrabungen wieder ans Tageslicht kamen. Aber wie sollten die Wissenschaftler diese mehr oder weniger zerbröckelten und fast beim bloßen Anschauen schon Verfallenden Papyrusrollen und -blätter entziffern? Es begann ein systematisches Restaurieren und Konservieren, das im Laufe der Zeit durch den Konservator der Berliner Museen, Dr. h. c. Hugo Ibscher, zu kunstvollen Methoden entwickelt wurde, die heute in den Fachkreisen aller Welt als vorbildlich anerkannt sind. Die Gipfelleistung seines arbeitsreichen Lebens präsentiert sich in dem Restaurierungs- und Konservierungswerk der Manichäischen Handschriften, die im Jahre 1930 durch einen deutschen Wissenschaftler aufgefunden und zu einem Teil von Berlin, zum andern von England erworben wurden. Die Brüchigkeit des Materials war entmutigend. Aber durch Ibschers Arbeit würde es – darauf vertraute man – den Wissenschaftlern endlich möglich sein, über die Religionslehre Manis, deren Wirkung bis Spanien und Gallien auf der einen und bis China auf der anderen Seite gedrungen war und die ein Jahrtausend lang im Herzen Asiens gelebt hat, nicht mehr nur indirekt durch die gegnerische Polemik etwas zu erfahren, sondern seine Originalaufzeichnungen zu lesen. Wieder galt es für Dr. Ibscher, eine neue Technik zu finden, um diese wissenschaftliche Kostbarkeit zu erhalten. Es gelang ihm. Ein Teil der manichäischen Schriften konnte noch von ihm selbst restauriert werden, bis der Tod seinem unermüdlichen Schaffen ein Ende bereitete. Aber sein Sohn, Dr. Rolf Ibscher, hat sofort sein Erbe übernommen. Er fuhr auf Einladung des englischen Kunstmäzens ehester Beaty nach London, um den von England erworbenen Teil der manichäischen Schrfiten, insbesondere die 520 Seiten starke Kephalaia, zu untersuchen und die Restaurierung in Angriff zu nehmen. Es handelt sich hierbei um ein Buch höchst vielseitigen Inhaltes, da es fast alle Probleme der damaligen Zeit berührt. Gelingt die Restaurierung dieses Werkes, so ist damit von deutscher Seite wieder ein wesentlicher Schritt in der Erforschung des Altertums getan, aus dessen tief verborgenen Quellen auch unser heutiges Leben noch gespeist wird. Ruth Sassmannshausen