Von Dieter Beste

Der Tauernexpreß läuft in den Bahnhof Salzburg ein. Draußen regnet es, der deutsche Steward sammelt die leeren Coca-Cola-Flaschen ein, die Zollkontrolle beendet ihre Formalitäten, die Festspielgäste steigen aus. Einheimische strömen dafür ein und füllen Abteile und Gänge bis auf den letzten Winkel. Die Reisenden aus Ostende und Kopenhagen, die nach Triest, Rom oder Belgrad wollen, nehmen das Gedränge als Vorboten des nahen Balkans. Die Österreicher scheinen sich nichts dabei zu denken und tragen alles mit stoischem Gleichmut. Bis auf einen Reisenden, der im Gedränge alle paar Minuten das Standbein wechselt: "Dös is a Saubetrieb bei uns! Nie san d’ Züg’ pünktlich. Draußen in Deutschland gibt’s dös net!" –

Die Bahn klettert in die Höhe. Hofgastein und dann Badgastein liegen unten im Tal. "Badgastein", seufzt ein wohlbeleibter Herr, der sich als Hotelier entpuppt, "da wird noch verdient!" – "Ist auch sündhaft teuer, mein Lieber", entgegnet ein Deutscher. "Bei uns zu Hause preisen österreichische Prospekte das Land als billiges Ferienziel an, und wenn man dann hinkommt, kostet alles viel mehr als angekündigt." Doch der Hotelier gibt zu bedenken, daß der Fremdenverkehr der einzige Erwerbszweig sei, den Österreich noch besitze. "Die Wälder haben sie uns halb kahl geschlagen und fortgetragen, das Erdöl wird uns gestohlen, und die Freiheiten, die sie in Deutschland haben – auf allen Gebieten, auf wirtschaftlichen und politischen –, die gibt’s bei uns noch lange nicht!" – "Woll!" – "Richtig ist’s!" sekundierten ihm die anderen.

Der achteinhalb Kilometer lange Tauerntunnel ist passiert. Der Schienenstrang klebt jetzt an steilen Felswänden. Unten liegt Mallnitz, Obervellach. "Eine Stunde Verspätung haben wir jetzt schon", stöhnt der Wohlbeleibte.

Ein kleiner Junge klettert über die Gepäck Barrikaden ins Abteil und auf den Schoß einer jungen Frau, die bisher still in einer Ecke gesessen hat und kuschelt sich in ihre große Damastschürze. Ihr Gesicht ist verhärmt, aber von einer gütigen, edlen Anmut, und sie erzählt, daß sie eine Batschka-Deutsche sei und nun noch einmal ihre bei der großen Flucht zurückgebliebenen Eltern in Jugoslawien besuchen dürfe. Ob sie denn keine Angst habe, fragt einer. Nein, Tito habe es erlaubt, und die jugoslawische Konsularbehörde habe ihr und den anderen, die mit ihr seien, volle Sicherheit garantiert. Sie müsse jede Bedrohung sofort der Polizei melden, damit die Verantwortlichen auf der Stelle verhaftet werden könnten. Und dann berichtet sie von den fruchtbaren Feldern in der Batschka, die nun alle schlecht bestellt seien und verkämen. "I bin aber froh, daß i in Deutschland a neu Heimat gefunnde ha. Ischt halt doch die Muttererd", schließt sie. Und für eine Weile bleibt die Stimmung sentimental. Dann richtet sich der Junge auf und fragt: "Tant, was is das, Muttererd?" – "Das, was der Hitler uns nachgelasse hätt, Bub. Viel is nit mehr!" "Und was ist der Hitler, Tant?"

In Spittal, dem Umschlagplatz jener Ferienreisenden, die an den Millstättersee wollen oder hinauf in das Drautal nach Osttirol, sagt der korpulente Hotelier: "Denken Sie daran, meine Herren, wir Österreicher können allein nicht leben und nicht sterben", dann verschwindet er mit einem "Servus, grüß di".

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