Die gegenwärtige Wirtschaftslage zeigt gewisse Parallelen zur Situation von Mitte 1950, unmittelbar vor der Korea-Hausse. Damals kam die "Arbeitsgemeinschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute" in ihrer Halbjahres-Diagnose zu der Feststellung, daß die Steigerung der industriellen Gütererzeugung vornehmlich auf der Entwicklung der Investitionsgüterproduktion, und hier speziell auf der Ausdehnung des Exportgeschäfts beruhe, daß die Verbrauchsgütererzeugung hingegen stagniere. Muß die wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik gegenwärtig nicht ähnlich beurteilt werden?

Die industrielle Entwicklung – repräsentiert durch unsern saisonbereinigten Produktionsindex – war seit Mitte 1951 ausgesprochen schwach. Überdies war die geringe Zunahme lediglich durch das Anwachsen der Investitionsgütererzeugung verursacht. Auf den ersten Blick muß diese Erscheinung bei gleichzeitigem Stagnieren der übrigen Produktion, insbesondere im Bereich der Verbrauchsgüterwirtschaft, überraschen, da die Investitionsneigung des Unternehmers weitgehend Von seinen Erwartungen über die Absatzentwicklung abhängt. Tatsächlich hat sich, wie ein Blick auf die Ergebnisse der "Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" zeigt, folgendes abgespielt: Im Rahmen der gesamten Anlagetätigkeit ist die private zugunsten der öffentlichen Investition nicht unerheblich zurückgegangen; daneben hat aber der Export (insbesondere die Ausfuhr von Investitionsgütern) ungewöhnlich stark zugenommen. So konnte, trotz Rückgangs der privaten Investition, die Kurve der Investitionsgütererzeugung hinaufschnellen.

Diesem Bild einer partiellen Exportkonjunktur entspricht – wiederum könnte die Parallele zum ersten Halbjahr 1950 gezogen werden – die gesamte Ausfuhrentwicklung. Die deutschen Ausfuhrwerte nahmen gegenüber dem Winterhalbjahr 1951/52 (Monatsdurchschnitt 1328 Mill. DM) bis Mitte 1952 (1395 Mill. DM) um etwa 5 v. H. zu. Da demgegenüber die Einfuhr im gleichen Zeitraum – infolge vorsichtiger Dispositionen – um rd. 10 v. H. abnahm (1201 Mill. DM gegen 1301 Mill. DM), wurden beträchtliche Ausfuhrüberschüsse – wenn auch nicht gegenüber dem Dollarraum – erzielt. Diese führten, zusammen mit der günstigen Entwicklung der Dienstleistungsbilanz, binnen vier Monaten nahezu zu einer Verdoppelung des Gold- und Devisenbestandes der BdL. Er betrug Ende März nach Abzug der Verpflichtungen 1845 Mill. DM, Ende Juli 3575 Mill. DM.

Eine weitere günstige Folge der Ausfuhrsteigerung war ein Anwachsen der Beschäftigung. Dabei zeigt ein Blick auf die Statistik, daß das Anwachsen der industriellen Beschäftigung (um 107 000 Personen im Laufe des 2. Quartals) nur einen Teil der gesamten Zunahme ausmacht. Insgesamt stieg die Beschäftigung von Ende März bis Ende Juni um 587 000 auf den bisherigen Höchststand von 15,2 Mill. Personen. Außerhalb des industriellen Bereiches ist diese Zunahme zum Teil auf saisonale Erscheinungen (wie etwa bei der Landwirtschaft), ferner auf die günstige Entwicklung des Fremdenverkehrsgewerbes zurückzuführen. Den größten Anteil an der Zunahme hatte aber mit annähernd 220 000 Personen das Baugewerbe. Die Bauwirtschaft hat damit einen über das übliche saisonale Maß hinausgehenden Aufschwung genommen.

Vor allem war an dieser Entwicklung der besonders beschäftigungsintensive Verkehrsbau beteiligt. Sein Produktionsvolumen lag (nach der Bauvolumenberechnung des DIW) im zweiten Vierteljahr 1952 um mehr als 40 v. H. höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bemerkenswert ist, daß diese Produktionssteigerung nicht nur durch Besatzungsaufträge, sondern auch durch Verstärkung der regulären Straßen-Instandsetzung zustande kam.

Wiederum ist eine Parallele mit dem ersten Halbjahr 1950 festzustellen, in dem das Wohnungsbauprogramm anlief und weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt wurden. Eine Hauptstütze der wirtschaftlichen Stabilität war damals und ist gegenwärtig die "öffentliche Investition". Die großen Aufträge der öffentlichen Hand bei (zum Teil durch Vorfinanzierungen) wachsender öffentlicher Verschuldung sowie die Steigerung der Ausfuhr konnten heute wie damals einen Rückschlag verhindern.

Soweit die Fakten. Die Prognose der eingangs zitierten "Konjunkturdiagnose" von Mitte 1950 hütete damals: "Die von der Verschuldung der öffentlichen Hand ausgehende Einkommensfinanzierung ... wird nunmehr auch die Verbrauchsgüterwirtschaft beleben." Man beurteilte also damals die Zukunft mit Recht optimistisch. Gilt auch hier die Parallele?