Nach den Zeugnissen der alten – zaristischen – Literatur war die Russin eine hervorragende Frau und Geliebte. Ist ihr diese Qualität im Zuge des "sozialistischen Aufbaus" und der dazugehörigen Erziehung verlorengegangen? Oder ist nur die neue sowjetische Literatur nicht mehr fähig, sie darzustellen? Es scheint, daß das eine wie das andere in einem gewissen Maß zutrifft.

Die Moskauer Literaturnaja Gazeta veröffentlichte unlängst einen Leserbrief, in dem es hieß: "...in unseren Theaterstücken werden Held oder Heldin in ihrer beruflichen Tätigkeit oft lebendig und interessant geschildert. Sobald aber der Held von Liebe zu reden beginnt, fängt er gleich an, für Zuschauer und Leser grau und langweilig zu werden." Die Literaturnaja Gazeta stimmt dieser Kritik zu: "In einem Film wirkt die Szene, in der zwei Liebende nach fünfjähriger Trennung wieder zusammentreffen, fast wie Parodie. Der Geliebte hat an der Front sicherlich darüber gegrübelt, ob es ihm vergönnt sein werde, die Geliebte jemals wieder in die Arme zu schließen. Als das Wiedersehen dann endlich stattfindet, geht er nach einer kurzen, nicht eben stürmischen Begrüßung sofort zu einem anderen Thema über, was ungefähr so klingt:,Guten Tag, Liebste. Wie prächtig der Hafer in diesem Jahr steht.’ Man fragt sich, ob eine so traurige Figur, die in einem solchen Augenblick an die Wirtschaft denkt, wirklich so großes Interesse am Hafer haben kann."

Das Blatt gibt dann die Szene einer Liebeserklärung aus einem Stück des Sowjetautors Ssurow wieder. Das sieht so aus:

Nina: Natürlich, im Büfett. Wo willst du denn sonst hin?

Michejew: Einen Sprudel, hol’s der Teufel ...

Nina: Soll man’s für möglich halten?

Michejew: Das ist ja gerade das Tragische. Nicht einmal einen Sprudel kann man trinken. Hör mal, Nina...