Das melodische "Ciudad de Mexiko" beschwört den erregenden Zauber des geheimnisvoll Fremden, eine Fülle historischer Reminiszenzen an Azteken und Cortez, Maximilian von Österreich, Revoluzzer und zahllose Bürgerkriege, Leidenschaft, Lebensfreude. Das nüchterne "Mexiko City" hingegen, in der ersten Septemberhälfte Arena für hitzige Wortgefechte auf den Jahresversammlungen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IFM), erregt ein gewisses Unbehagen ob der beängstigenden Schatten, welche die Reden der Delegierten von Rang und Namen warfen. Die Gegenwart ist nicht romantisch, die Wahrheit nicht charmant. Sie kleidet sich in illusionslose Begriffe: Devisenschwierigkeiten, Dollarlücke, Zahlungsbilanzprobleme, Quoten, Verbote, Importbeschränkungen, Schutzzölle, Aufrüstung, Inflationsgefahren.

Und die Gold politik? Bei dieser Frage sorgte Südafrikas Finanzminister Nichdas Havenga für Belebung: "Kehrt die Welt nicht zum Goldstandard zurück, so müssen Devisen- und internationale Handelsrestriktionen als permanente Erscheinungen akzeptiert werden." Ein inkorrekter Goldpreis (der momentane sei "unfair") verurteile jeden monetären Mechanismus zum Scheitern. Und: "das Problem der Gleichgewichtsstörungen in den Zahlungsbilanzen wird ungelöst bleiben, wenn wir nicht eine befriedigende und praktische Basis finden, um zwei Ideale miteinander zu verbinden, die sich nicht immer vertragen: das Ideal der Vollbeschäftigung und sozialen Sicherheit auf der einen, das der Währungs- und Wechselkursstabilität sowie des Abbaus diskriminierender Handelspraktiken auf der anderen Seite". Havenga bekannte, sich der Hindernisse auf dem Rückwege zum Goldstandard voll bewußt zu sein, weil das eine drastische Modifizierung der derzeitigen Geld-, Wirtschafts- und Sozialpolitik voraussetze. Es sei jedoch "illusorisch anzunehmen, daß die Konvertierbarkeit und die Wechselkursstabilität ohne Opfer und eine substantielle Änderung der bisherigen Politik der Regierungen erreichbar sind".

Seine These – weltweite Goldpreiserhöhung und Re-installierung des Goldstandards – scheiterte in Mexiko City an dem Widerstand der USA (ihr Finanzminister John Snyder ist als strikter Verteidiger des gegenwärtigen Goldpreises wohlbekannt), an der aktuellen konjunkturellen Situation, dem Übergewicht der Papierwährungen in der Welt, der Front der Statusquo-Verfechter. Die Goldproduktionsländer haben erneut eine Runde verloren.

Inflation – war ein anderes Stichwort. Schon die UN-Wirtschaftskommission für Europa (ECN), die Genfer Residenz westlicher Planungsfanatiker, hatte Anfang Februar 1952 bemängelt, daß es in den meisten Ländern an einer resoluten Anti-Inflationspolitik mangele. Damals versah sie einen ihrer Berichte mit der Bemerkung, daß allein Direktkontrollen und Zuteilungssysteme Abhilfe versprächen, aber keine der westeuropäischen Regierungen "jemals" derartiges erwogen habe. In Mexiko City erhob sich der Direktoriums-Vorsitzende des IMF, der Schwede Ivar Rooth um zu konstatieren, daß man sich "aus den "Schlingnetzen der Kontrollen" befreien müsse, volle man nicht Gefahr laufen, die Inflation – als Normalzustand sanktioniert zu sehen.

Weltbankvorsitzender Horacio Lafer, Finanzminister Brasiliens, nannte angemessene Steuern, eine weitblickende Investitionspolitik und ausgeglichene Staatshaushalte als Gegenmittel, Rooth ganz generell eine "gesunde" Finanzpolitik. Daß die Schrumpfung des Ost-Westhandels das Dollarproblem kompliziert, verschwieg er dabei ebensowenig wie die Tatsache, daß die amerikanischen Zollbarrieren ein Dorn im Auge der Welthandelsärzte sind; er nannte sie "viel zu streng". Die scharfe Klinge John Snyders gegen "alle hemmenden Restriktionen" (also auch Schutzzölle) nahm sich etwas seltsam aus in der Hand des Mannes, der die von ihm attackierten Fehler in Mexiko anprangert, ohne in Washington, wo es nützlicher wäre, einen ähnlichen Elan an den Tag zu legen.

Selbstverständlich wäre es falsch, den Amerikanern – ob ihres unseligen Protektionismus – die ganze Schuld an der Misere der Zahlungsbilanzen in die Schuhe zu schieben. Die bedrängten Länder haben vielmehr allen Grund, vor ihrer eigenen Tür zu kehren, das heißt: ihre Wirtschafts- und Währungspolitik zu überprüfen. Geheimrat Vocke, der Präsident des BdL-Direktoriums, brauchte allerdings nicht rot zu werden, als Finanzminister Snyder eine starke nationale Währungspolitik als Schutz zur Eindämmung inflationistischer Tendenzen forderte. Denn er prägte am 21. Juni 1952 in München das Wort: "Inflation ist nicht Schicksal, sondern Betrug am Volk." Inflation, so sagte er, komme "nicht von selbst, sondern nur, wenn man unter Außerachtlassung der bewährten Erfahrungssätze der Währungspolitik glaubt, Kompromisse mit dem Teufel machen zu können". Wenn sich alle Nationen danach richten würden, dann hätten sich die illustren Referenten in Mexiko City manches Wort, sparen können. Helmut Benecke