Von Walter Abendroth

Es sind nicht immer die dickleibigen Bücher berufsmäßigerDenker, die das Gewirr der Selbsttäuschungen, hinter dem sich die Betriebsamkeit unserer heutigen Welt verschanzt hat, mit dem Blitzstrahl unbedingter Wahrhaftigkeit durchbrechen und die daher in jedes Menschen Hand gehören, dem an wirklicher Einsicht gelegen ist. Gelegentlich kann auch ein schmales Bändchen diese Eigenschaft haben, und es kann von jemandem geschrieben sein, dem die Philosophenzunft die Berechtigung zum Mitreden in "ihren" Angelegenheiten rundweg absprechen wird. Es kann sogar eventuell aus einer Feder stammen, die sonst nur Noten schreibt, der Feder eines Musikanten also. Ist die Wahrheit, die ein solches Büchlein anbietet, sehr unbequem, sieht sie nicht rosig aus, sondern grau, gar schwarz, läßt sie keiner optimistischen Regung mehr einen Ausweg offen, so werden alle, denen ihre Selbsttäuschung lieb ist, mit befreitem Aufatmen folgern: der arme Kerl ist eben zu kurz gekommen, es geht ihm schlecht, er hat keinen Erfolg gehabt, seine ehrgeizigen Künstlerträume sind ihm die Erfüllung schuldig geblieben, und nun erscheint ihm alles hoffnungslos und sinnleer, nun soll es ihm die schöne Welt entgelten, nun möchte er den anderen, Glücklicheren oder Begabteren, jedenfalls Erfolgreicheren ihren gesunden Optimismus nicht mehr gönnen, möchte jede schöpferische Aktivität entmutigen, damit es keinem besser ergehe als ihm selbst, dem Enttäuschten, dem Verbitterten.

Hundert gegen eins gewettet: so wird man sagen. Wie aber, wenn es doch nicht stimmt?, Wenn der Autor eines derartigen Traktats über den konsequenten Pessimismus einer von den ganz wenigen Musikern ist; von denen "man spricht", deren Werke überall aufgeführt werden, ein Komponist von internationalem Ruhm? Wenn er zum Beispiel Arthut Honegger heißt?

Und dieser Fall liegt vor. Im Atlantis-Verlag erschien kürzlich ein kleines Buch von 145 Seiten: "Ich bin Komponist. Gespräche über Beruf, Handwerk und Kunst in unserer Zeit." Der Partner heißt Bernard Gavoty, und die Gespräche haben am Pariser Radio stattgefunden, sie wurden nur nachträglich erweitert und ergänzt (deutsche Übersetzung von Suzanne Oswald). In den mittleren Kapiteln enthält dieses Buch viele überaus wertvolle Mitteilungen aus dem künstlerischen Erfahrungsschatz des französisch-schweizerischen Meisters, aus denen viel zu lernen ist für jeden, der "auch einer" werden will. Sie gehen auch auf manche Fragen ein, die von neugierigen Laien gern gestellt werden, wie etwa: wie der Komponist "es macht", welche Mittel er wo und warum gebraucht, wie sich Inspiration und konstruktive Arbeit zueinander verhalten, was aus den fertigen Werken wird, wie eine Aufführung zustande kommt, welcher Zusammenhang zwischen Geltung und wirklicher Bedeutung besteht, wovon (und ob überhaupt) ein Musikautor leben kann, und dergleichen mehr. Wie gesagt: was Honegger darüber – sehr sachlich, klar, klug, überlegt und doch mit großer persönlicher Wärme – mitzuteilen weiß, ist äußerst lehrreich, auch für die gesamte Öffentlichkeit. Denn einige der Fragen und ihre Beantwortungen rühren ja an soziologische Probleme, die im Ganzen unseres modernen "Kultur"-Betriebs begründet sind, in der fadenscheinigen Struktur der heutigen Weltzivilisation schlechthin. Und die Antworten auf diese Kategorie der Fragen sind niederschmetternd; um so mehr, als sie nicht mit leeren Behauptungen, subjektiven Meinungen, Ressentiments gegeben werden, sondern zum Teil mit Feststellungen, in denen gerade die ernstesten Sachkenner, die berufenen Urteiler unter den schöpferischen Zeitgenossen mehr und mehr übereinstimmen – so verschiedene Wege sie auch sonst gehen mögen –, zum Teil mit ganz nüchternen Zahlen, mit einfachen Rechnungsziffern. Leitthemen dieser Betrachtungen sind: das krasse Mißverhältnis zwischen Angebot (echter, bemerkenswerter Begabungen notabene!) und Nachfrage (beim Publikum wie bei den Interpreten); die monomanische Konzentration alles Musikinteresses auf die Ausführungsartistik statt auf die Kompositionen, selbst die klassischen; die stetig zunehmende Verengerung der Programme auf einige wenige Stücke einiger weniger längst akkreditierter Musiker die Willkür der Interpreten; die Unmöglichkeit, nach einer Uraufführung eine Zweit- oder Mehraufführung zu erreichen; die wachsenden Schwierigkeiten des Musik Verlagswesens; die horrenden Unkosten, nicht zuletzt durch schematische Besteuerung; die Winzigkeit der Autorenanteile bei jeglichem publizistischen Unternehmen und so weiter und so weiter. Schon dieses Bild ist pessimistisch genug; aber der Pessimismus ist nicht von Honegger erfunden – er weiß vielmehr, daß er selbst immer noch zu den verhältnismäßig Begünstigten zählt –; der Pessimismus hat sich ihm aufgedrängt, da er in den Tatsachen liegt, gegen die kein Widerspruch möglich ist.

Aber nicht diese mittleren Kapitel, in denen immerhin auch manches ablenkend Beruhigende, Schöne, Erheiternde unterläuft, sind es, die den Leser erschüttern müssen. Denn: mögen sie auch deprimierend wirken, so können sie anderseits dazu anregen, auf Besserung zu sinnen, da ja die Ursachen der Misere so deutlich und einleuchtend aufgedeckt sind. Allein gerade solche Impulse kann man kaum aufbringen, wenn man die, Rahmenteile des Buches (also Anfang und Ende) gelesen hat. Da wird nämlich schon im Eingangsgespräch ganz unumwunden ausgesagt, daß Honegger sich an die folgenden Erörterungen über Dasein und Beruf des Komponisten überhaupt nur einzulassen vermag, indem er sich gewissermaßen eintrat so stellt, als glaube er, daß alles dieses, wovon die Rede sein wird, noch irgendeinen Sinn haben könne. Es gibt für ihn durchaus keine Möglichkeit, an der freiwilligen Selbstvernichtung unserer heutigen Welt zu zweifeln. Zu zweifeln daran, daß die physische Totalvernichtung (vielleicht mit einem winzigen Rest Überlebender) kommen muß, daß ihr die endgültige Auflösung aber Kulturwerte vorausgehen wird, und daß die Musik in diesem Prozeß zuerst schwinden wird, eigentlich bereits im Entschwinden begriffen ist. Und das alles nicht in einer ferneren Zukunft, sondern in absehbarer, wahrscheinlich sehr naher Zeit. Es ist kein apokalyptischer Wahn, den der große Musiker hier zum besten gibt. Er spricht davon erschreckend nüchtern, mit den kältesten Argumenten. Und er sagt es auch wieder mit bewegtem Herzen, um uns Mut zu machen, den Tatsachen ins Auge zu sehen, wie jeder Mensch schließlich der Tatsache des ihm sicheren Todes ins Auge sehen muß.

Das Sterben der Musik wird schon allein durch die immer rücksichtslosere Ausschaltung des zeitgenössischen Schaffens bewirkt, für die es in keiner früheren Epoche eine Parallele gibt. Es bestätigt sich weiter in der allgemeinen Vergröberung und Abstumpfung des Gehörs durch technischen Lärm und Gewöhnung an tägliche Geräuschbegleitung des Lebens. Je gröber, unempfindlicher das Gehör wird, desto gröber müssen die Mittel werden, durch die Musik noch wirken kann. Das heißt: die Musik selbst wird ständig kulturloser, in demselben Maße, in welchem die Kultur des Hörens verkümmert. Endlich aber führt die Massenverarbeitung und Massenverabreichung von Musik durch den modernen Musikbetrieb, insbesondere durch den Rundfunk, zu Übersättigung, Gleichgültigkeit, Entwertung, Ertötung des Bedürfnisses, Aufstachelung des Verlangens nach immer äußerlicheren Effekten. Das Ganze zielt auf Ablösung der geistigen Persönlichkeit als Musikschöpfer durch den industriellen Musikproduzenten und damit auf den Tod der gesamten Musikkultur. Die soziologischen Auswirkungen dieses Zustandes tun das übrige, den ernsten Komponisten zu einer Erscheinung zu machen, die zweifellos auf dem Aussterbe-Etat steht. Doch – um es zu wiederholen – Musik und Musiker sind nur die Nächstbetroffenen von dem universellen Kultursterben. Sie haben die Ehre des Vortritts im allgemeinen Untergang.

Merkwürdig, daß schon einmal ein weltberühmter Musiker ähnliches prophezeit hat; und zwar zu einer Zeit, wo dergleichen Prognosen noch völlig absurd erschienen. Richard Wagner schrieb kurz vor seinem Tode einen Aphorismus auf: wie die Religion, so werde auch die Kultur bald ein "Rudiment" sein "wie der Schwanzknochen beim Menschen". Sollten Musiker besonders zum Pessimismus neigen? Oder sollten sie hellseherische Gaben besitzen?