Prophezeite Krisen finden nicht statt

Warum die angekündigte "Nadh-Aufrüstungs-Überinvestitions-Depiession" ausbleiben wird

Mag auch die beginnende Wahlkampf-Propaganda in den USA den Inflationsteufel in einer für den "Mann auf der Straße" höchst wirkungsvollen Manier an die Wand malen, so ist die öffentliche Meinung "drüben" doch weit stärker durch Depressionsängste als durch Inflationssorgen bestimmt. Mit diesem Problem setzt sich ein glanzvoller Artikel auseinander, den Prof. L. Albert Hahn (früher bei der Deutschen Effekten- und Wechselbank, jetzt in New York) kürzlich in "The Freeman" veröffentlicht hat, und der gleichzeitig in seiner alten Heimat Frankfurt/M., hier in der "Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen", erschienen ist (unter dem Titel "Die Propheten des Unprophezeibaren"; Heft 13/1952), Wir veröffentlichen hier, mit einigen unwesentlichen Kürzungen, den dort enthaltenen Text; eine redaktionelle Stellungnahme wird folgen.

Wenn man.sich die Mühe nimmt, eine größere Anzahl amerikanischer Nationalökonomen über die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes zu befragen, wird man finden, daß eine überwältigende Majorität etwa in der folgenden Weise argumentiert: In etwa zwei bis drei Jahren ist die Wiederaufrüstung vollendet und die für diesen Zweck ausgegebenen Beträge sind nur noch recht unbedeutend. Zur selben Zeit ist die aufgestaute Nachfrage für Investierungen weitestgehend befriedigt. Der produktive Apparat ist genügend vergrößert, um die Bedürfnisse einer wachsenden Bevölkerung zu befriedigen, und genügend verbessert und modernisiert, um allen vernünftigen Anforderungen zu entsprechen. Eine Depression oder zumindest eine ernste "Rezession" von dem gegenwärtigen hohen Stand von Produktion und Beschäftigung muß folgen. Mit anderen Worten: Eine "Nach-Aufrüstungs-Überinvestierungs-Depression" ist zu erwarten.

Diese Prophezeiungen werden bei allen denjenigen unliebsame Erinnerungen wachrufen, die nicht an die Möglichkeit objektiver "wissenschaftlicher" Wirtschaftsprophezeiungen glauben. Sie werden sich der Nachkriegs-Depressions-Voraussagen erinnern, die während des Krieges an der Tagesordnung waren. Zu dieser Zeit war die allgemeine Meinung der amerikanischen Sachverständigen, gestützt besonders auf eine Studie von Morris Livingston "Markets after the war", daß die Zunahme der Bevölkerung, die Erhöhung der Produktivität und die "Unfähigkeit des Verbrauches, mit der Produktion Schritt zu halten" unweigerlich zur Arbeitslosigkeit von vielen Millionen führen würde. Und der bekannte schwedische Nationalökonom G. Myrdal, beeindruckt von dieser Argumentation, verbreitete sie durch viele Artikel in der schwedischen und Schweizer Presse in der ganzen Welt. Ich selbst versuchte in einem Artikel "Do not predict postwar deflation – prevent it!" die Irrtümer der zugrunde liegenden mechanistischen Auffassung ökonomischer Probleme und einer Prophezeiung aufzuzeigen, die jeden verblüffen mußte, der aus dem Studium der Wirtschaftsgeschichte weiß, daß Inflationen und nicht Deflationen regelmäßig das Nachspiel von Kriegen sind.

Wie zu erwarten, erwiesen sich alle Nachkriegs-Deflations-Prophezeiungen als katastrophal falsch. Fast unmittelbar nach dem Ende der Feindseligkeiten setzte ein Nachkriegsboom ein. Aber in keiner Weise durch ihre Irrtümer entmutigt, blieben die Propheten bei der Arbeit. Jetzt wurde fortgesetzte Inflation vorausgesagt. Aber gerade als die Prophezeiungen besonders bestimmte Formen annahmen, im Frühjahr 1949, setzte die "Rezession" ein – mit dem Ergebnis, daß jetzt die Fortsetzung der Deflation erwartet und nach Regierungseingriffen gerufen wurde. Der zweite Nachkriegsboom – nicht hervorgerufen, aber verstärkt durch den Ausbruch des koreanischen Krieges im Jahre 1950 – führte wiederum zu Voraussagen einer fortgesetzten Inflation, ja einer Währungszerrüttung; aber 1951 war ein Jahr der Deflation, und ein Jahr der Inflation nur dort, wo sie regierungsseitig gefördert wurde. Offensichtlich kann die Regelmäßigkeit dieser Prophezeiungs-Irrtümer nicht reiner Zufall sein. Etwas wie ein Gesetz der Zwangsläufigkeit der Prophezeiungs-Irrtümer muß am Werke sein.

Man ist sich selten bewußt, daß der Glaube an die Möglichkeit "wissenschaftlicher" Konjunktur-Prognosen und die Voraussagungs-Manie unserer Zeit verhältnismäßig neue Erscheinungen darstellen. Bis etwa 1930 waren ernsthafte Nationalökonomen selten so kühn – oder so naiv – zu glauben, sie seien imstande, den Beginn von Aufschwung und Niedergang vorauszuberechnen. Es hätte dies nicht zu ihrer allgemeinen Auffasung über die Wirkungsweise einer freien Wirtschaft gepaßt. Sie betrachteten die wirtschaftliche Zukunft als im wesentlichen abhängig von unvoraussagbaren Preis-Kosten-Beziehungen und den – ebenso unvoraussagbaren – psychologischen Reaktionen der Unternehmer.

Die Voraussagungs-Manie unserer Zeit ist eine natürliche Begleiterscheinung dessen, was Keynesianismus genannt wird. Sie bildet einen integrierenden Bestandteil der Welt des "functional finance", des "Multiplier effect", des "accelaration principle" und ähnlicher Begriffe. Wenn man wirklich glaubt, wie es die "Erfinder" des functional finance tun, daß durch Budget-Defizite eine Depression verhindert und die Hochkonjunktur nach Belieben verlängert werden kann, und wenn man nicht sieht, daß die Liquidation der Fehlanpassung in den Preis-Kosten-Beziehungen, die während der vorausgegangenen Hochkonjunktur sich bildeten, eine notwendige Voraussetzung der Wiederholung sind: dann erscheint in der Tat die wirtschaftliche Zukunft nicht länger als zu unsicher. Und wenn man wirklich an das Wirken des "multiplier" und des "acceleration principle glaubt, dann erscheint auch die entferntere Zukunft voraussehbar. Denn nach der Multiplier-Theorie führt die Ausgabe einer bestimmten Summe von Investierungen in regelmäßigen Zeitabschnitten zu sofort feststellbaren, gleichbleibenden Verbrauchsabgaben. Und die Ausgabe bestimmter Summen für den Konsum führt zu sofort feststellbaren, gleichbleibenden Ausgaben auf Investierung. Vor-Keynessche Nationalökonomen hätten, nebenbei bemerkt, sich nicht verführen lassen, solche sekundären und späteren Wirkungen von Verbrauch oder Investierung vorauszusagen und zu berechnen. Sie hätten Multiplier- und Acceleration-Theorie als ein unrealistisches Gedankenspiel und nicht als die wissenschaftliche Errungenschaft betrachtet, für die sie heutzutage gilt. Denn ob erhöhte Konsumausgaben im Laufe der Zeit zu erhöhten Investierungen führen, hängt von den unvorhersehbaren Gewinnerwartungen der Unternehmer ab. Die Tatsache, daß die Läger durch erhöhten Verbrauch geräumt wurden, kann, aber muß nicht diese Erwartungen verbessern. Und ob Ausgaben für Investierungen zu entsprechenden Ausgaben für Verbrauch führen, hängt von dem ebenfalls unvorhersagbaren Vorhanden- oder Nichtvorhandensein des sogenannten Käuferwiderstandes ab, wie die frühen New-Deal-Experimente klar bewiesen haben.

Prophezeite Krisen finden nicht statt

Der Grundirrtum der ganzen Auffassung liegt darin, daß die Kausalbeziehung zwischen objektiven Daten und den Entschlüssen der Glieder der Wirtschaft als eine mechanische aufgefaßt wird, obwohl die Menschen immer noch Menschen und nicht Automaten sind. Es besteht zum Beispiel noch nicht einmal, wie manchmal behauptet wird, eine feste Korrelation zwischen den Zahlen der Geburten und Heiraten und der Nachfrage nach Wohnungen – oder: zwischen der Nachjage nach elektrischem Strom und den Investierungen der Elektrizitätswerke. Die Investierungen können und werden entweder beschleunigt oder verschoben werden, je nachdem, ob die Unternehmer bezüglich der zukünftigen Nachfrage und Preise und damit der Gewinnmöglichkeit der Unternehmungen optimistisch oder pessimistisch sind. In dem ersten Fall kann sich ein 3oom, sonst eine Depression entwickeln.

Die Zukunft der Wirtschaft zu prophezeien, heißt Investierungs- und Verbrauchsentschließungen zu prophezeien, die so ungewiß sind wie die ganze Zukunft. Die gewerbsmäßigen Voraussager vergessen, daß es gerade die Hauptbeschäftigung der Unternehmer ist, die künftige Nachfrage abzuschätzen, um ihr die Produktion anzupassen. Was zu der intertemporalen Falschverteilung der Nachfrage – dem Konjunkturzyklus – führt, ist, daß die Mehrheit der Unternehmer zu Zeiten zu optimistisch oder zu pessimistisch ist, daß sie zu viel und zu früh oder zu wenig und zu spät investieren.

Nun besteht aber nicht der geringste Grund für die Annahme, daß in dem hohen Spiel der Vortussage des künftigen Bedarfs die Theoretiker im Durchschnitt erfolgreicher sein werden als die Geschäftsleute. Man kann im Gegenteil annehmen, daß die Geschäftsleute im Durchschnitt die besseren, weil die verantwortlicheren Propheten sein werden. Denn die Geschäftsleute erleiden Verluste, falls sie irren, während die Theoretiker ihre Risiko – anscheinend nicht einmal für ihr Ansehen – prophezeien. So zerfällt also die Welt nicht in Theoretiker, die das Monopol haben, künftige Investierung und Verbrauch, einschließlich ihrer "multiplizierenden" und "accebrierenden" Wirkung, im voraus zu berechnen, und Geschäftsleute, für die die Zukunft ungewiß ist und die "spekulieren" müssen. Wenn dem aber so ist, muß die tragische, wenn nicht tragikomische Folge sein, daß die Voraussagen der großen, Mehrheit der Theoretiker nie zutreffend sein können. Wenn die Geschäftsleute im Vorausfühlen der künftigen Falschverteilung der Nachfrage mindestens ebenso tüchtig sind wie die Theoretiker, werden sie durch Beschleunigung oder Verlangsamung ihrer Investierungen ihre Produktion der schwankenden Nachfrage anpassen: mit dem Ergebnis, daß der prophezeite Zyklus nicht stattfindet. Es ist – man kann sagen: ex definitione – nicht möglich, Depressionen im voraus zu berechnen. Berechnete Depressonen finden nicht statt; noch auch, nebenbei bemerkt, Inflationen, für die sogar die genaue jährliche Zunahme während des nächsten Jahrzehntes vorauszusagen bis vor kurzem noch üblich war. Man hört nichts mehr von diesen Voraussigen nach dem jüngsten Sturz der Rohstoffpreise – einem Sturz, der zu erwarten war, nachdem gewisse Theoretiker Aufsätze über "unser Zeitalter der fortdauernden Inflation" veröffentlicht hatten.

So mögen sie es unterlassen, eine Nach-Aufristungs-Depression zu prophezeien. Die Depressan, die sie prophezeien, wird nicht stattfinden – welche sonstige Depression, noch nicht von ihnen und der Mehrheit der Geschäftsleute erkannt und erkennbar, sich auch entwickeln mag oder vielleicht schon beginnt...