Der Grundirrtum der ganzen Auffassung liegt darin, daß die Kausalbeziehung zwischen objektiven Daten und den Entschlüssen der Glieder der Wirtschaft als eine mechanische aufgefaßt wird, obwohl die Menschen immer noch Menschen und nicht Automaten sind. Es besteht zum Beispiel noch nicht einmal, wie manchmal behauptet wird, eine feste Korrelation zwischen den Zahlen der Geburten und Heiraten und der Nachfrage nach Wohnungen – oder: zwischen der Nachjage nach elektrischem Strom und den Investierungen der Elektrizitätswerke. Die Investierungen können und werden entweder beschleunigt oder verschoben werden, je nachdem, ob die Unternehmer bezüglich der zukünftigen Nachfrage und Preise und damit der Gewinnmöglichkeit der Unternehmungen optimistisch oder pessimistisch sind. In dem ersten Fall kann sich ein 3oom, sonst eine Depression entwickeln.

Die Zukunft der Wirtschaft zu prophezeien, heißt Investierungs- und Verbrauchsentschließungen zu prophezeien, die so ungewiß sind wie die ganze Zukunft. Die gewerbsmäßigen Voraussager vergessen, daß es gerade die Hauptbeschäftigung der Unternehmer ist, die künftige Nachfrage abzuschätzen, um ihr die Produktion anzupassen. Was zu der intertemporalen Falschverteilung der Nachfrage – dem Konjunkturzyklus – führt, ist, daß die Mehrheit der Unternehmer zu Zeiten zu optimistisch oder zu pessimistisch ist, daß sie zu viel und zu früh oder zu wenig und zu spät investieren.

Nun besteht aber nicht der geringste Grund für die Annahme, daß in dem hohen Spiel der Vortussage des künftigen Bedarfs die Theoretiker im Durchschnitt erfolgreicher sein werden als die Geschäftsleute. Man kann im Gegenteil annehmen, daß die Geschäftsleute im Durchschnitt die besseren, weil die verantwortlicheren Propheten sein werden. Denn die Geschäftsleute erleiden Verluste, falls sie irren, während die Theoretiker ihre Risiko – anscheinend nicht einmal für ihr Ansehen – prophezeien. So zerfällt also die Welt nicht in Theoretiker, die das Monopol haben, künftige Investierung und Verbrauch, einschließlich ihrer "multiplizierenden" und "accebrierenden" Wirkung, im voraus zu berechnen, und Geschäftsleute, für die die Zukunft ungewiß ist und die "spekulieren" müssen. Wenn dem aber so ist, muß die tragische, wenn nicht tragikomische Folge sein, daß die Voraussagen der großen, Mehrheit der Theoretiker nie zutreffend sein können. Wenn die Geschäftsleute im Vorausfühlen der künftigen Falschverteilung der Nachfrage mindestens ebenso tüchtig sind wie die Theoretiker, werden sie durch Beschleunigung oder Verlangsamung ihrer Investierungen ihre Produktion der schwankenden Nachfrage anpassen: mit dem Ergebnis, daß der prophezeite Zyklus nicht stattfindet. Es ist – man kann sagen: ex definitione – nicht möglich, Depressionen im voraus zu berechnen. Berechnete Depressonen finden nicht statt; noch auch, nebenbei bemerkt, Inflationen, für die sogar die genaue jährliche Zunahme während des nächsten Jahrzehntes vorauszusagen bis vor kurzem noch üblich war. Man hört nichts mehr von diesen Voraussigen nach dem jüngsten Sturz der Rohstoffpreise – einem Sturz, der zu erwarten war, nachdem gewisse Theoretiker Aufsätze über "unser Zeitalter der fortdauernden Inflation" veröffentlicht hatten.

So mögen sie es unterlassen, eine Nach-Aufristungs-Depression zu prophezeien. Die Depressan, die sie prophezeien, wird nicht stattfinden – welche sonstige Depression, noch nicht von ihnen und der Mehrheit der Geschäftsleute erkannt und erkennbar, sich auch entwickeln mag oder vielleicht schon beginnt...