Von unserem Bonner Korrespondenten Robert Strobel

Als die SPD nach dem Tode Schumachers daranging, ihre Parteispitze neu zu formen, da gab es über den zukünftigen Platz, den Erich Ollenhauer einnehmen sollte, kaum Meinungsverschiedenheiten und keine Rivalitäten. Man nahm seine Nominierung als Kandidaten für den Posten Schumachers nicht deshalb als selbstverständlich hin, weil er bereits seit Jahren stellvertretender Vorsitzender gewesen war; man war sich darüber einig, daß man in der Partei einen besseren Mann für diesen Posten nicht hatte.

Außerhalb der SPD hat man Ollenhauer häufig verkannt. Zwar gilt er im allgemeinen als routinierter Funktionär, aber viele sprechen ihm die Fähigkeit zur großen politischen Konzeption ab. Für sie ist er der typische zweite Mann, vielleicht weil er sich stets mit großer Redlichkeit und Loyalität gegenüber Schumacher mit diesem zweiten Platz begnügt hat. Mancher Kritiker Ollenhauers revidierte freilich seine Meinung, je öfter dieser während der Erkrankung Schumachers in den Vordergrund trat. Da kam beispielsweise die große Wehrdebatte im Bundestag am 6. und 7. Februar dieses Jahres, in der sich Ollenhauer als geschickter Debattenredner zeigte. Freilich ist er nicht ein Redner vom Range Schumachers. Ihm fehlt das funkelnde, zwielichtig glitzernde Wort, das sich Schumacher so leicht anbot. Er argumentiert in der nüchternen Sprache des Alltags, die nicht bezaubert, aber auch nicht verletzt.

Ollenhauer ist ein Mann der guten Mitte. Wenn ihm auch das Heroische, vielleicht sogar der große Schwung fehlt, so ist er jedenfalls von der Verkrampfung und Einseitigkeit frei, in die sich der fanatische Wille zuweilen versteigt. Er ist ein Mann des Kompromisses. Wo immer es in der Partei Unfrieden gab, kein anderer wußte so gut wie er die erregten Gemüter zu beschwichtigen. Diese Fähigkeit soll ihm schon In jungen Jahren von großem Nutzen gewesen sein, als er zunächst Sekretär der Sozialistischen Jugend-Internationale, und dann später Vorsitzender des Verbandes der sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands war.

Den kleinen, immer schlicht gekleideten, eher zur Behäbigkeit neigenden Mann, mit der Hornbrille vor den kleinen, freundlichen Augen, würde man, nach seinem Äußeren urteilend, nie für den Führer einer so großen Partei halten. Doch wenn er auch verbindlich in der Form ist, in der Sache kann er Sehr hart und unnachgiebig sein.

Der neue Führer der Opposition wird (es könnte aus persönlichen wie sachlichen Gründen gar nicht anders sein) zunächst Schumachers Politik fortsetzen. Wie weit die politischen Spekulationen, die da und dort auf seine größere Konzilianz gesetzt werden, berechtigt sind, bleibt abzuwarten. Auf die Dauer kann sich freilich keiner die politische Façon eines anderen zu eigen machen, schon gar nicht die eines Kurt Schumacher. Die Entscheidungen, die auf den neuen Parteiführer zukommen, wird er, nach seinem Urteil, seinem Temperament und in seinem politischen Stil zu treffen haben, freilich abhängiger von der Meinung der anderen Vorstandsmitglieder, als es Schumacher in seiner unangefochtenen Autorität tun konnte.

Ollenhauer hat sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet. Sein Vater war Maurer in Magdeburg. Dort besuchte er die Volksschule. Kurze Zeit war er kaufmännischer Angestellter, und wurde dann – erst 18 Jahre alt – Berichterstatter in der Redaktion der Magdeburger "Volksstimme". Mit 19 Jahren kam er als Sekretär in den Hauptvorstand der sozialistischen Arbeiterjugend in Berlin, wo er auch die Zeitschrift "Arbeiterjugend" redigierte. 1933 war er Mitglied des Parteivorstandes, emigrierte mit diesem nach Prag, später nach Paris, floh von dort im letzten Augenblick vor den herannahenden deutschen Truppen mit seiner Familie nach Lissabon und ging dann für sechs Jahre nach England. Dort verdiente er sich eine Zeitlang als Metallarbeiter sein Brot und sprach gelegentlich im BBC. Doch ließ er sich zu nichts verleiten, was seinen Patriotismus verletzt hätte. Er war ein Feind Hitlers, aber kein verärgerter Emigrant, dessen Haltung dem eigenen Land gegenüber ins Schwanken geriet. Bald nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden der SPD gewählt.