Der Bundeskanzler habe in seinen Verträgen mit dem Westen schlecht verhandelt und viele Möglichkeiten verscherzt, den deutschen Standpunkt in den Verhandlungen zu wahren und den deutschen Einfluß in einer europäischen Föderation zu stärken. Dies ist die These der deutschen Sozialdemokratie. Als aber jetzt in Straßburg der Vorsitzende der parlamentarischen Versammlung der Montan-Union gewählt werden sollte, da stimmten die deutschen Sozialdemokraten nicht für den deutschen Kandidaten, den Fraktionsvorsitzenden der CDU von Brentano, sondern für den belgischen Sozialisten Spaak. Sie seien nun einmal nicht für Klein-Europa und die Montan-Union. Weshalb aber sind sie dann überhaupt zur Wahl gegangen und – weshalb sprachen sie vorher soviel von der Notwendigkeit, den deutschen Einfluß zu stärken.

Man müsse jede Chance, auch die geringste, ausnutzen, um über eine friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zu verhandeln, bevor man sich endgültig mit dem Westen liiere, so lautet die Devise der Sozialdemokratie im Kampf gegen das vom Bundeskanzler verhandelte Vertragswerk mit dem Westen, den General vertrag und die Europäische Verteidigungsgemeinschaft. Da kommen nun fünf Delegierte der deutschen Sowjetzone, Abgeordnete der Volkskammer, um dem Präsidenten des Bonner Bundestages Vorschläge zu machen, wie man auf eine friedliche Weise den Eisernen Vorhang innerhalb Deutschlands beseitigen könne. Und sofort erklären die deutschen Sozialdemokraten, sie würden mit solchen Schurken nicht verhandeln – anders ausgedrückt, sie würden diese geringe Chance zu einer Übereinkunft, die sich bietet, nicht wahrnehmen.

Es steht den deutschen Sozialdemokraten gewiß frei, ablehnende Beschlüsse zur West- wie zur Ostpolitik zu fassen, aber warum reden sie eigentlich vorher immer anders, als sie hinterher handeln? –l