Unsere im Fortschritt der Forschung sich in immer feinere Verästelungen aufspaltende Wissenschaft endet im Spezialistentum. Das ist unvermeidlich. Heißt das, daß wir uns mit der Tatsache abfinden sollen, in einem babylonischen Sprachenchaos aneinander vorbeizureden und uns nicht mehr zu verstehen? Oder können wir trotz allem den Glauben an die Einheit des Geistes aufrechterhalten? Davon hängt vieles, ja, alles ab. Diesen Glauben aufgeben, hieße nämlich nichts weniger als die Voraussetzung für die Existenz einer Menschheit, für ihre Organisation auf der so klein gewordenen Erde leugnen! Doch wo ist der Herkules, der die die Menschheit bedrohende Hydra der Atomisierung des Geistes bezwingen könnte?

In der Gegenwart wird die geistige Lage weniger durch die in kleinen Zirkeln lebendigen Geisteswissenschaften als durch die praktisch das Leben gestaltenden Naturwissenschaften bestimmt. Diese Naturwissenschaft aber zeichnet sich durch eine Geistesarmut aus, auf die sie auch noch stolz ist. Sie nennt das Positivismus. Ihre vorherrschende Methode ist die Analyse. Sie fragt nach den Teilen, zerlegt die Teile wieder in Teile und so fort. Ein lebendiger Körper besteht aus Zellen. Die Materie aus Molekülen, die in Atome zerlegt werden. Die Atome werden weiter zertrümmert in Elektronen, Protonen, Neutronen. Schließlich endet alles in einer den Gesetzen des Zufalls, das heißt der Statistik, überlassenen Masse von jeweils als letzten nicht weiter teilbar angesehenen Korpuskeln. Wird die Naturwissenschaft material von dem einen Prinzip des Atoms beherrscht, so auch in ihrer Dynamik nur von einem Gedanken: dem Kausalitätsprinzip. Sie begnügt sich damit, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung herzustellen. In der nach dem Vorbild der unverbrüchlichen Gesetze der Planetenbewegungen geschaffenen klassischen Physik war dieser Zusammenhang eindeutig. Es galt das geradezu mathematisch faßbare, unverrückbar feste Naturgesetz. Die Gesetze der Atome sind lockerer. Eine Ursache kann verschiedene Wirkungen haben, und das statistische Naturgesetz gibt nur für die verschiedenen Wirkungen die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens an. Die mechanistische Naturtheorie duldete keine anderen Götter neben sich. Ihren Triumph feierte sie, als Haeckel, auf Darwin fußend, in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ die Entwicklungsgeschichte der Lebewesen auf einen reinen Mechanismus der Natur zurückführen zu können glaubte, der einen Schöpfer überflüssig machte. Dem naiven Blick drängt sich das Zielstrebige und Zweckhafte im Bau und in den Funktionen der Lebewesen ohne weiteres auf. Alle derartigen teleologischen Betrachtungen wurden aber aus der Wissenschaft vom Lebendigen als unwissenschaftlich verbannt. Einzig und allein die kausale Begründung war zulässig.

Dieser Skizze neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Denkens wollen wir Gedanken gegenüberstellen, die 2300 Jahre alt sind. Aristoteles unterschied in dem wissenschaftlichen Denken seiner Zeit vier Arten von Ursachen. An seinem bekannten Beispiel des Hauses seien sie aufgezählt. Erde und Steine sind der substantielle Grund des Hauses. Die Tätigkeit der Maurer und Zimmerleute ist die „bewegende (oder bewirkende) Ursache“. Die Gestalt des Hauses ist seine Form oder Idee. Der ganze Bau ist im einzelnen bestimmt durch die oberste Ursache, seinen Zweck, etva als Stall, Wohnhaus oder Kirche. Die Scholastik nannte diese vier Ursachen causa materialis, causa efficiens, causa formalis und causa finalis (Gestalt). Man darf in der Gegenüberstellung von Substanz und Form keine absolute Unterscheidung sehen. Bei Aristoteles sind sie relativ gemeint. In bezug auf das Samenkorn als Substanz ist der Baum seine Idee oder Form. In bezug auf den aus dem Baum gehauenen Balken als Form, ist der Baum dessen Substanz, während der Balken für die Gestalt des Hauses wieder Baumaterial oder Substanz ist. Diese Vorstellung des Baues mit all seinen Momenten, Material, Tätigkeit des Bauens, Bauplan und letzten Endes auch dem Planer, das heißt dem Schöpfer, überträgt Aristoteles auf die gesamte Natur. Wir sehen, wie Materie und Form von Stufe zu Stufe ihre Rollen vertauschen. Die Substanz ist stets die noch ungeformte Möglichkeit der Form, und die Gestalt erst ist die wirklich gewordene, durch einen Schöpfungsakt aktualisierte Materie. Diese schöpferischen, die Wirklichkeit gestaltenden Kräfte nennt Aristoteles Energie und Entelechie. Ungeformte Materie, ein Klumpen Lehm etwa, ist nur eine Möglichkeit. Eine Wirklichkeit wird diese Potentialität erst durch den Akt des Schaffens, durch die Energie oder Entelechie des Künstlers, der dem Lehm etwa die Gestalt eines Mädchens gibt. Damit ist gesagt, was man in den Schriften der Scholastik unter Substanz und Form zu verstehen hat. Eine Form ist jeweils durch den Zweck, der erreicht werden soll, bestimmt. Ein Werkzeug erhält seine Form in Hinsicht auf die bestimmte Leistung, etwa, des Schmiedens oder des Sägens oder des Beißens, die es erfüllen soll. „Organ“ heißt weiter nichts als Werkzeug. Es liegt auf der Hand, daß die Organe der Tiere und Pflanzen zur Erreichung bestimmter Zwecke geschaffen sind und ihre Gestalt nur von diesen her zu verstehen ist. Wenn die Biologie unserer Zeit nunmehr jenen unnatürlichen kausalen Monismus aufgibt und zur teleologischen Denkweise des Aristoteles zurückkehrt, so bedeutet das keineswegs die Aufgabe der als äußerst fruchtbar erwiesenen kausalen Forschungsmethode. Da bereits Leibniz die Vereinbarkeit teleologischen und mechanistischen Denkens erwiesen hatte, das sich nicht gegenseitig ausschließt, sondern vielmehr komplementär einander ergänzt, ist die Kontroverse zwischen „Mechanisten“ und „Vitalisten“ lediglich ein Zeichen für den Mangel philosophischen Geistes bei den Fachgelehrten. Beide Gesetzesarten stehen doch so zueinander: Eine vom menschlichen Ingenium geschaffene Maschine, zum Beispiel ein Flugzeug oder ein Radiosender, stellt eine Kombination physikalischer Gesetze dar. Die Gestalt dieser Kombination, bestimmt durch den vorgesehenen Zweck des Fliegens oder des Rundfunks, aber entspringt nicht der Naturgesetzlichkeit, sondern der Schöpferkraft des Menschen. In ebenderselben Art sind die physikalischen und chemischen Gesetze in den lebenden Gestalten der Natur wirksam, aber lediglich als dienende Hilfsmittel. Das, was gerade das spezifisch Lebendige ausmacht, ist die Organisation der anorganischen Kräfte durch Gestaltungskräfte der Natur, die diese Kräfte zu zielursächlichen Dynamismen zusammenfügt. Diese Organisation des Lebendigen geschieht stufenweise, so daß die fertige Gestalt der einen Stufe die Substanz, das Baumaterial für die nächste ist. Es gibt also eine aufsteigende Reihe von Entelechien. Im Anfang etwa Entelechien, die aus Eiweißmolekülen Zellkerne, und ändere, die aus ihnen Protoplasma aufbauen, dann welche, die die Zellen schaffen, und noch höhere, die diese zu Geweben, Muskeln, Knochen organisieren. So werden die mannigfachen biologischen Prozesse, die ein Lebewesen aufbauen und es erhalten, durch eine Hierarchie von Entelechien reguliert. Nach Aristoteles gibt es dann in jedem Lebewesen eine oberste, höchste Entelechie, die gerade dieses Individuum in seiner Einzigkeit schafft und erhält; er nennt sie seine „Seele“.

Wenn man jetzt, von Aristoteles her, an die analytische Methode der neueren Naturwissenschaft herantritt, so findet man, daß das Zerlegen in „Teile“ nur die eine Seite der Erkenntnis sein kann. Lediglich mit den Teilen in der Hand, kann der Forscher nämlich nicht den Weg der Analyse zurückgehen und aus ihnen die zertrümmerte Wirklichkeit wiederaufbauen. Ein Ding ist nicht einfach die Summe seiner Teile. Jedes Ding hat seine Gestalt: es ist aus seinen Teilen nach einem Bauplan zusammengefügt. Erst zusammen mit einem Bauplan ergeben die Teile wieder das Ganze! Während ein Haufen sich auf Grund des Zufalls zusammenfindet – eine Gasmenge etwa ist ein Haufen von Molekülen, die den Gesetzen des Zufalls, der Statistik, unterliegen – setzt eine Gestalt einen Bauplan und damit eine gestaltende Kraft, einen Schöpfer voraus!

Um ein Beispiel für die verschiedenen Stellungnahmen eines Fachgelehrten und eines Philosophen demselben Problem gegenüber zu geben, wählen wir die bekannte Paradoxie der modernen Physik, die Doppelnatur der Strahlen. Ein Lichtstrahl läßt sich sowohl auffassen als eine Folge fliegender Korpuskeln, der Lichtquanten, als auch als eine sich im Äther ausbreitende elektromagnetische Welle. Die Unvereinbarkeit beider Vorstellungen hat dazu geführt, den Glauben an die Existenz einer an sich seienden Realität „Strahl“ aufzugeben und nur von den je nach den vorliegenden Beobachtungsbedingungen verschiedenen „Erscheinungen“ zu sprechen. Diese Erscheinungen stehen aber nicht mehr in dem festen Kausalzusammenhang der klassischen Physik, sondern sind nur noch durch Wahrscheinlichkeitsgesetze miteinander verknüpft. In der positivistischen Einstellung des Fachgelehrten stellt Heisenberg immer wieder diese gegenwärtige, alles andere als befriedigende Situation der Atomphysik dogmatisch als das endgültige Faktum fest! Anders der Philosoph Aloys Wenzl: Als das materiell Reale sieht die Physik die Korpuskeln an, die Lichtquanten und die Elektronen. Die zugehörigen Wellen bestimmen als Führungsfeld der Korpuskeln ihre Verteilung im Raum und in der Zeit. Sie geben an, wieviel Lichtquanten oder Elektronen in jedem Zeitpunkt an einer bestimmten Stelle im Raum auftreten. Lichtquanten und Elektronen existieren nicht an sich, unabhängig von einem Beobachter, sondern sie treten erst auf Grund der Bedingungen des zu ihrer Feststellung angestellten Experiments in Erscheinung. Die Existenz einer mathematischen Quantenmechanik, die die logische Vereinbarkeit der Beobachtungen erweist, hat damit noch nicht die Paradoxie der Vorstellungen aufgelöst. Auf dieses bislang völlig ungelöste Grundlagenproblem der Physik läßt Aloys Wenzl nun das Licht der aristotelischen Begriffe von Potenz und Akt fallen. „Das Auftreten der Wesen, die als Korpuskeln beobachtet werden, ihre Aktualisierung im Raum ist durch ein selbst nur potentielles Führungsfeld (die Wellen) bestimmt. Der mit der Beobachtung selbst verbundene Eingriff entscheidet über die Aktualisierung einer von mehreren Möglichkeiten.“ (Aloys Wenzl, Wissenschaft und Weltanschauung, Richard Meiner Verlag, Hamburg.) Damit kommt nun den mysteriösen „Wahrscheinlichkeitswellen“ eine der Wissenschaft bisher unbekannte Art des Seins zu, ein Sein, das zwischen der mathematischen Idealität und der physikalischen Realität liegt, nämlich das Sein der aristotelischen Potentialität, das Sein des Möglichen! Da die Früchte der Erkenntnis zu hoch hängen, sind sie für die Physik sauer geworden; sie verzichtet auf sie und begnügt sich mit der Aufstellung eines mathematischen Kalküls. Wa’s ihre Situation aber tatsächlich verlangt, ist die Entwicklung neuer Begriffsformen, und die Entdeckung Wenzls besteht darin, daß die Paradoxien der Atomphysik verschwinden, wenn man sie unter den Aspekt der Ontologie von Aristoteles stellt.

Vor gleichen Grundlagenproblemen wie die Physik steht auch die Biologie der Gegenwart. Der Grund für diese Grundlagenkrisis der modernen Naturwissenschaften liegt in einer zu stark betonten positivistischen Haltung. Der Positivismus ist durchaus notwendig als Kritik, ist aber selbst unfruchtbar. Es ist das Verdienst von Hedwig Conrad-Martius, in ihrem Buch „Bios und Psyche“ (Claaßen Verlag, Hamburg) für die mannigfachen Probleme des organischen Lebens aufhellende Ansatzpunkte gefunden zu haben, die gleichfalls eine Rückkehr zu aristotelischscholastischen Denkformen bedeuten. Die Entwicklung des Lebens wird verständlich, wenn wir den Leib eines Lebewesens als Sitz einer hierarchischen Folge von Gestaltungspotenzen betrachten, die aus der lebendigen Materie zweckdienliche Organe formen. Wenn die neuere Forschung gezeigt hat, daß jeweils zur rechten Zeit bereitgestellte Stoffe, Biokatalysatoren, als Organisatoren der Entwicklung wirken, so bleibt es der kausalen Betrachtungsweise doch unverständlich, inwiefern chemische Stoffe eine zielgerichtete Organisation bewirken könnten. Diese Problematik verschwindet aber, wenn wir annehmen, daß diese chemischen Organisatorstoffe lediglich bereits potentiell vorliegende Gestaltungskräfte oder Entelechien auslösen. Es liegt hier eine, den exakten Tatsachen der Physik und Biologie gerecht werdende, neoscholastische Metaphysik vor, die geeignet ist, den von positivistischer Unfruchtbarkeit bedrohten Naturwissenschaften neues Leben zuzuführen und sie zu neuen Fragestellungen anzuregen. Mag man Einzelheiten, insbesondere ihrem „Selbstaufbau der Materie“ nicht zustimmen, so schenkt uns Hedwig Conrad-Martius in ihrem vom Thomismus her bestimmten Werk eine einzigartige Synthese naturwissenschaftlichen, geisteswissenschaftlichen und theologischen Denkens. Der Zusammenhang – in der positivistischen Einzelforschung hoffnungslos verloren – ist hier wiederhergestellt.