Es gab Epochen, da war das Decolleté der bestimmende "Teil für das Ganze", in anderen Epochen, wie im Rokoko, war es zeitweilig die Frisur. 1918 wurden die Beine der Frauen "entdeckt" und obwohl seit 1945 wieder das große Decolleté getragen wird, und die Röcke in diesem Winter wiederum länger werden, ist immer noch der Strumpf zur Verklärung der Anatomie ein wichtiges Kleidungsstück.

Es besteht kein Zweifel, daß die Beine der Damen "schöner" geworden sind. Homer nennt Helena die Schöngerundete, die Weißarmige, die Frau mit den schönen Wimpern! Aber ihre Beine sind ihm nicht so wichtig. Der geistreiche Fürst Talleyrand jedoch nagelte die "häßlichen" Beine der Madame de Staël historisch fest. Die Beine waren so wenig dekorativ, daß Madame de Staël bei den damals üblichen Liebhaber-Aufführungen nur eine Statue darstellte. Talleyrand aber berichtet, er habe sie an dem "Pied de Staël" erkannt.

Es gibt Strümpfe, die wie ein Hauch fast nicht mehr da" sind. Und dennoch sind sie da als jener Schatten, der oft erst der Grazie ein Profil gibt. Merkantil gesehen, sind sie aus Seide, Nylon, Perlon, Cupresa oder anderem zarten Material. Es ist seltsam, daß dieselbe moderne Industrie, die einerseits mit so gewalttätigen Dingen wie der Atombombe die Welt erschüttert, so zarte Gebilde hervorzuzaubern vermag.

Bedeutende Sprachforscher haben sich "auf die Strümpfe gemacht": Jahrhundertelang hieß es bei uns "mit Strumpf und Stiel ausrotten". Wobei Strumpf gleich Stumpf war. Seltsamerweise aber soll das Wort Strumpf, als es noch Stumpf bedeutete, eine anstößige Bedeutung gehabt haben. Erst allmählich umriß vor vierhundert Jahren das Wort das Gewebe, das man sich über die Füße zieht. Ja, und die Gelehrten fanden seltsame Redensarten. So hieß "er ist nicht gut im Strumpf" soviel wie "er hat keine gute Laune". Und wenn jemand "mit dem Strumpf auf dem Kopf" nach Hause kam, so war er "blau wie ein Veilchen". Woraus man sieht, daß Strümpfe bei den Eskapaden der Herren von jeher eine Rolle spielten.

Nach einer alten, dänischen Sage konnte der giftspeiende Drache Bläsvorm, der auf der Insel Mors umging, durch sieben Kirchenmauern blasen, aber nicht durch einen Weiberstrumpf. Es ist eine alte Sage, aber umreißt sie nicht die Macht der zarten Dinge über die Urgewalt? Was wäre das Leben, was wäre die Mode, was wäre die Liebe ohne die Zartheit? K. N. N.