Die Zahl der Menschen ist nicht mehr groß, die schon seit der Oktoberrevolution im Lager des Weltkommunismus stehen. Unter ihnen sind solche, deren Rolle in der Revolutionszeit nachträglich vergrößert oder verkleinert wurde, wie Stalin oder Karl Radek, solche, die in die „Verräter“-Rubrik eingereiht wurden wie Ruth Fischer und Tito und schließlich solche, denen erst in unseren Tagen der Prozeß gemacht wird wie Anna Pauker. Zu diesen letzten gesellt sich nun André Marty, der immerhin einen Ehrenplatz im Buch der Revolutionsgeschichte hat und dessen Namen ein sowjetisches Minensuchboot trägt.

Der Sohn eines zum Tode verurteilten, aber amnestierten Mitkämpfers der Kommune von Narbonne des Jahres 1871 hat die Besessenheit zur Zerstörung der bürgerlichen Welt von Hause mitgebracht. Mit einer Meuterei auf den zur Niederschlagung des Bolschewismus in das Schwarze Meer entsandten französischen Kreuzern begründete er seinen Ruf als Weltrevolutionär. Zur gleichen Zeit hat der Matrose Wollweber, der heute Staatssekretärsrang in der Sowjetzone besitzt, in Kiel den Anstoß zur Novemberrevolution. gegeben. Mit ihm besitzt Marty manche gemeinsame Züge: brutale Machtgesinnung und Geringschätzung der Theorie; nur fehlen Marty die organisatorisch-konspirativen Fähigkeiten. Die Untersuchung hat ergeben, daß er als Meuterer durchaus nicht so planvoll und aktiv vorging, wie die offizielle Darstellung behauptet.

Daß er nicht der führende Kopf der französischen Kommunisten wurde, hat seinen Grund. Als Südfranzose, der sein anarches Temperament nicht verbarg, erschöpfte er sich in aufpeitschenden Reden, die stets in der Aufforderung gipfelten, auf die Barrikaden zu gehen. Marty lebte für die Stunde des Aufstandes und wollte sich mit dem Alltag nicht abfinden. Er verzehrte sich in Versammlungstätigkeit, aber versagte in der nüchternen Kleinarbeit. Daher überspielte ihn in der Parteileitung der Nordfranzose Maurice Thorez, der mehr praktischen Verstand besaß.

Noch einmal ergab sich für Marty eine revolutionäre Chance durch den spanischen Bürgerkrieg. Mit sicherem Instinkt hatte ihn der Kreml für den Posten des Kommissars der Internationalen Brigaden ausgewählt. Hier war er in seinem Element. Dem Militärtribunal seines Hauptquartiers in Albacete hat er überreichlich Beschäftigung gegeben. Hemingway läßt ihn in seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“ auftreten: Vor Mißtrauen unfähig, die Situation richtig zu erkennen, ständig Verrat witternd und Liquidationsbefehle erteilend, die ihm den Beinamen „Bluthund von Albacete“ verschafft haben.

Ein Revolutionär muß jung sein, wenn schon nicht jung an Jahren, so doch jung an Geist. Der Marty, den Hemingway schildert, der damit eine lebenswahre Charakteristik gelieferthaben dürfte, ist ein alter, verbitterter Mann, der sich Spott von den Russen gefallen lassen muß und irgendwie das Gefühl hat, seine Stunde verpaßt zu haben. Während des Krieges schien es fast, als ob er in Moskau eine Verwandlung erführe. Wie ein abgeklärter Weiser trat er bei de Gaulles Militärregierung in Afrika auf, nur nebenbei sorgte er für die kommunistische Durchsetzung des Verwaltungsapparates. Seine Ruhe kam aus der Überzeugung, daß er dicht vor der Erreichung seines Zieles stehe. Im November 1943 erließ er in Algier einen Aufruf: „Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Es ist der lebhafte Wunsch unseres Genossen Stalin, den er mir persönlich vor meiner Abreise aus Moskau ausgedrückt hat, daß so bald als möglich eine Sowjetrepublik in Nordafrika gegründet werde, die das Vorspiel zur Errichtung einer Union der europäischen Sowjetrepubliken sein wird.“ Damals hegte der Kreml Hoffnungen, bei denen Marty eine wichtige Figur hätte spielen sollen.

Groß war seine Enttäuschung, daß der Krieg ausging, ohne daß ein Sowjeteuropa entstand. Er war gegen die Beteiligung der Kommunisten an der französischen Regierung, es ist ihm allein wichtig, die Straße zu mobilisieren. Schon vor zwei Jahren, als er die Abreise von Thorez in die Sowjetunion dazu benutzte, um in der Parteibürokratie Jagd auf „Verdächtige“ zu machen, mußte er erleben, daß seine Gegenspieler Duclos und Lecoeur über stärkere Rückendeckung verfügten. Marty fand sich mit dem Führer der Résistance Tillon, der zwar größere taktische Wendigkeit besaß als er, aber ebenfalls den schlauen Parlamentarier Duclos als Feigling und Thorez, der die ganze Kriegszeit in der Sowjetunion gesessen hatte, höhnisch als „Moskauer Widerstandskämpfer“ bezeichnete. Der Beschluß zur Veranstaltung von Demonstrationen gegen Ridgway in Paris war, wie man heute weiß, ein Sieg Martys und Tillons über Duclos, der das Mißgeschick hatte, dabei verhaftet zu werden. Doch waren die Demonstrationen und Streiks im Ergebnis eine Niederlage für die Partei; sie gaben dem kranken Thorez, der sich auf seine Heimkehr vorbereitet, Anlaß zu einer heftigen Kritik.

Im Kommunismus ist es ein Verbrechen, zur unrechten Stunde Revolution zu machen. Der listige Duclos hatte die Kominformparolen besser begriffen als der jetzt 66jährige Marty, der einst zu den großen Männern der Komintern gehört hat. Vorerst ist man gegen ihn, um den die Legende schon ihre Kränze windet, und der noch immer die Massen in seinen Bann zieht, milde vorgegangen, doch kann es nicht ausbleiben, daß dem Ausschluß aus dem Parteisekretariat die Ausstoßung aus der Partei folgen wird, wenn er nicht öffentlich Reue bekennt. Dazu scheint der grollende Alte jedoch nicht bereit zu sein. Er ist einer der letzten Recken der Weltrevolution, dem es immer unbegreiflich bleiben wird, daß Moskau erbärmliche Konjunkturritter den treuen Veteranen vorzieht, die heute noch jeden Tag bereit sind, ihr Leben für die Idee des Umsturzes in die Schanze zu schlagen. Harald Laeuen