Vom Sinn und Zweck der Deutschen Industrie-Ausstellung 1952 in Berlin

Die gegenwärtig in Berlin stattfindende Deutsche Industrieausstellung übertrifft an Ausdehnung und Aufmachung ihre beiden Vorgängerinnen. An die Stelle der Einzelaussteller sind mehr als bisher Gemeinschaftsschauen der einzelnen Industriezweige getreten, an denen aber der Handel diesmal einen größeren Anteil hat.

Aus den Erfahrungen der vorjährigen Veranstaltung sind nach zwei Richtungen Konsequenzen gezogen. Die Ausstellung ist noch mehr als bisher auf die breite Masse abgestellt. Das bedeutet keineswegs eine Verflachung, wohl aber den bewußten Verzicht auf die Beteiligung der reinen Investitionsgüterindustrien, so vor allem des Berliner Maschinenbaues, der in den Vorjahren dem Besucher doch teilweise starke Eindrücke vermittelt hatte. Der Entschluß zu diesem Wandel dürfte nicht leicht gefallen sein, da gerade. der Maschinenbau einschließlich der entsprechenden Fertigungen der Elektroindustrie von jeher die Hauptstärke des Berliner Industrieschaffens ausmacht. Aber das Leitwort der Ausstellung "Lebensstandard der freien Welt" ist ein Programm, das besonders auf die Hunderttausende von Besuchern aus der umliegenden Sowjetzone zugeschnitten ist, die sich hier ein Bild machen können von der Lebensart des Westens, die auch einmal wieder die ihre werden soll. Im Gegensatz zur Leipziger Messe zeigt Berlin nur Güter, die auch wirklich ohne Schwierigkeiten lieferbar sind. Dem trägt die Bereitstellung von Devisenkontingenten für Importe im Werte von 13,7 Millionen DM Rechnung; denn neben 766 Ausstellern aus Westdeutschland und Berlin sind auch 258 Aussteller aus zwölf ausländischen Staaten vertreten.

Als weitere Folgerung aus den Erfahrungen des Votjahres ist die unzweideutige Abkehr von allen Messeambitionen hervorzuheben. Noch für die vorjährige Ausstellung hatte man geglaubt, die Einkauf smöglichkeiten für Geschäftsleute durch Einrichtung besonderer "Käufertage" fördern zu müssen. Die Erfahrungen scheinen nicht günstig gewesen zu sein; an anderen Tagen sollen nämlich mehr Abschlüsse zustande gekommen sein. Maßgebend für diese offensichtliche Wendung war wohl aber auch die allgemeine Tendenz aller Wirtschaftskreise, die Inanspruchnahme der Firmen nicht noch durch weitere Messeverpflichtungen zu steigern.

Das System der Gemeinschaftsschau fällt in sechs verschiedenen Branchen in die-Augen. Am meisten beachtet sind die Gemeinschaftsstände der westdeutschen Textilindustrie und des Berliner Bekleidungsgewerbes, die sehr geschmackvoll zusammengestellt sind. Eine Sonderstellung nimmt in diesem Jahr die Rundfunk- und Fernseh-Schau ein, an der alle namhaften Firmen aus Westdeutschland und Berlin mit ihren neuesten Modellen beteiligt sind. Man erblickt hierin einen. Ersatz, für die in diesem Jahr ausgefallene und neuerdings wieder verschobene "Große deutsche Funkausstellung". Berlin hat ja seinen Anspruch, diese alte traditionelle Veranstaltung auch vor der Wiedervereinigung Deutschlands wieder in seinen Mauern zu sehen, nie "aufgegeben. Aus dem Ausland findet besonders das Farbfernsehen der Briten berechtigtes Interesse. Neben der Elektroindustrie, die auch alle Anwendungsmöglichkeiten der Elektrizität im Haushalt darbietet, nimmt die Möbelindustrie einen besonders breiten Raum ein. Als besonders erfreulich sei verzeichnet, daß auch die westdeutschen Aussteller mit ihren Ausstellungsgütern trotz der zur Industrieausstellung schon gewohnten Schwierigkeiten an der Zonengrenze rechtzeitig in Berlin erscheinen konnten. E. S.