Kolumbiens Hauptstadt Bogotá war vor kurzem wieder der Schauplatz für den Ausbruch eines wilden Hasses zwischen den Anhängern der beiden führenden Parteien, der Konservativen und der Liberalen. Durch Brandstiftung wurden Gebäude und Einrichtungen der beiden größten liberalen Zeitungen, des Hauses der liberalen Partei und der Villen von zwei prominenten liberalen Führern zerstört. Anlaß zu diesen Gewalttaten war die Beisetzung von fünf Polizeibeamten, die in einem Feuergefecht mit liberalen Parteigängern gefallen waren. Schon einmal hatte zügellose politische Leidenschaft in Bogotá zu Mord, Aufruhr und Brandstiftung geführt.Das war am 9. April 1948, jenem "schwarzen Freitag", als der von den Massen verehrte Führer des linken Flügels der Liberalen, der Rechtsanwalt Dr. Jorge Eliécer Gaitán, vor seinem Hause in Bogotá erschossen wurde. Durch die Straßen der Hauptstadt tobte damals eine durch den Tod ihres Führers auf das äußerste erregte Masse, die mit dem Ruf: "Nieder mit den Konservativen!" öffentliche Gebäude, darunter den Palast des Staatspräsidenten, niederbrannte, in das Parlamentsgebäude eindrang, in dem die Konferenz der amerikanischen Staaten unter dem Vorsitz des USA-Außenministers George C. Marshall tagte, und das Innere des Gebäudes verwüstete.

In den Jahren seit diesem ersten Aufruhr hat sich die innerpolitische Lage Kolumbiens in bedrohlicher Weise einem Bürgerkrieg genähert. Wie ernst die Situation in diesem katholischsten aller Länder Südamerikas ist, geht schon daraus hervor, daß sich der Papst vor einiger Zeit auf Grund von besorgniserregenden Berichten des Apostolischen Nuntius und der kolumbianischen Bischöfe veranlaßt sah, über den Rundfunk einen dringenden Appell an das kolumbianische Volk zu richten, in dem der Heilige Vater sich gegen den "Dämon der Uneinigkeit und der Gewalt" wandte, "der – nicht zufrieden damit, daß er die Welt in zwei Lager geteilt hat, die sich einander mit Mißtrauen begegnen – auch euch teilen und aufeinander hetzen will, als wäret ihr nicht Brüder, sondern die wütendsten Feinde". Viele Wochen sind seit jenem Appell vergangen, aber die Lage hat sich verschlechtert.

Die Verantwortung für die politische Entwicklung in Kolumbien trifft zu einem großen Teil jene Liberalen, die es noch immer nicht verwinden können, daß ihre sechzehnjährige Herrschaft bei den Wahlen im Jahre 1946 ein Ende gefunden hat. Der Grund hierfür lag in der Absplitterung des linken Flügels ihrer Partei, der seinen Führer, Dr. Eliécer Gaitän, als Präsidentschaftskandidaten aufstellte. Bei der Wahl unterlagen beide liberalen Kandidaten. Seitdem ist die konservative Partei am Ruder. Der Riß in der liberalen Partei jedoch hat sich nicht wieder geschlossen. Wohl stehen ihre beiden Flügel im Kampf gegen die konservative Regierung, aber das Mißtrauen des sozialistisch orientierten linken Flügels, der bei der Präsidentenwahl im Jahre 1946 350 000 Stimmen aufbrachte, gegenüber dem rechten Flügel, der 470 000 Stimmen erhielt, sich aber in seiner kapitalistischen Einstellung kaum von den Konservativen unterscheidet, steht einer Wiedervereinigung und damit der Möglichkeit, auf legalem Wege erneut an die Macht zu kommen, im Wege. Die liberalen Guerillas, die die konservative Regierung gewaltsam stürzen wollen, rekrutieren sich hauptsächlich aus linksgerichteten Kreisen der Partei, die sich zwar von dem kapitalistischen rechten Flügel materiell unterstützen lassen, im übrigen aber kaum daran denken, nach einem Siege die Macht mit ihm zu teilen.

Die konservative Regierung ist das starke Bollwerk gegen die unter der Flagge der liberalen Partei kämpfenden sozialistischen Aktivisten. Wenn die Regierung in diesem ernsten Kampf auch zu Mitteln greifen mußte wie der Verhängung des Belagerungszustandes und der Zensur, dann tat sie es zur Aufrechterhaltung der Demokratie, die sie als einzige südamerikanische Regierung auch in Korea mit Landtruppen und einer Flotteneinheit verteidigt.

Die in der Emigration lebenden Führer des kapitalistischen Flügels der Liberalen werden daher mit ihrem durchsichtigen Argument, die konservative Regierung Kolumbiens sei "faschistisch", nicht das erhoffte Ziel eines von Washington geführten Kreuzzuges gegen die Regierung in Bogota erreichen. Ernst Krüger