Von Joachim Günther

Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. (Kösel Verlag, Manchen, 292 S., Leinen 12,80 DM.)

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hierin liegt der wahrhaftige Beweis von der Göttlichkeit des Christentums", und an anderer Stelle: "Wenn ich an die Kreuzigung denke, begehe ich jedesmal die Sünde des Neides" – das sind grell zugespitzte Gedanken, wie man sie kaum von einem weiblichen und noch dazu recht jugendlichen Kopf erwarten würde. Die Frau, die sie gedacht und ausgesprochen hat, ist nur vierunddreißig Jahre alt geworden. Sie war eine jüdische Französin, Lehrerin am Lyzeum in Le Puy und starb während des Krieges in England, weil sie sich selbst auf die damaligen französischen Lebensmittelrationen herabgesetzt hatte und schon durch unablässige physische und geistige Überanstrengungen, ein Martyrium an Kopf- und Körperschmerzen, geschwächt war. Der Geist jedoch, der in diesem zerbrechlichen, unansehnlichen Gefäß seine Wohnung gehabt hat, besaß eine enorme Spannkraft und Begriffsschärfe, wie sie in der religiösen Dialektik wohl seit Pascal und Kierkegaard sonst nicht wieder aufgetreten ist. Simone Weil hat ein achtbändiges, aus

Gelegenheitsschriften, Aphorismen und Briefen bestehendes Werk hinterlassen, von dem zu ihren Lebzeiten fast nichts veröffentlicht war, das aber inzwischen als eines der wesentlichsten Ereignisse der europäischen Nachkriegsliteratur erkannt wurde.

Simone Weil hatte das Manuskript dieses Buches einem ihrer Freunde, dem französischen Philosophen Gustave Thibon, übereignet, bevor sie sich 1942 aus dem unbesetzten Frankreich auf die Reise nach Amerika machte. Thibon hat das Buch dann nach dem Krieg herausgegeben und ihm eine sehr schöne biographisch-interpretatorische Einleitung hinzugefügt, die auch in der deutschen Übersetzung mitgeteilt wird. Das Buch selbst besteht aus einer losen Kapitelfolge von Aperçus und Aphorismen. Man hat also ein Buch vor sich etwa wie Pascals "Pensées"; auch eines von dessen sprachlicher Schönheit und denkerischer Sprengkraft. Simone Weil ist selbst zwar nicht zur christlichen Kirche übergetreten, nimmt aber eine persönliche Christusbegegnung für sich in Anspruch, auf dem Wege über die eigenen strikten Tendenzen zu Passion und Martyrium. Sie kann anderseits aber auch als eine gnostische Mystikerin bezeichnet werden. Ihr Denken zielt auf einen absoluten Nullpunkt, die völlige, jedes metaphysischen und religiösen Trostes bare Identifikation mit dem menschlichen Elend: "Wenn Schmerz und Erschöpfung jenen Punkt erreichen, wo sie in der Seele die Empfindung der Unaufhörlichkeit wecken, und es gelingt, diese Unaufhörlichkeit in Liebe zu betrachten und hinzunehmen, dann wird man bis in die Ewigkeit entrissen." Völlige Aufmerksamkeit, die sich jeder Hingabe an Illusion, Phantasie und Einbildungskraft (nach Simone Weil die eigentlich satanische Kraft des menschlichen Geistes) zu enthalten weiß und in dieser Übung voranschreitet, führt zur "Entschleierung der Maja", zum Erreichen jener uneingeschränkten Leere, die Gott dazu herausfordert, im Geschöpf Wohnung zu nehmen.