London, im September

Noch immer stellen sich die Leute im Westend von London vor dem Kino an, in dem der Film "Die Schallgrenze" gezeigt wird. Wieder gezeigt wird, denn die Flugschau von Farnborough mit ihrer tödlichen Katastrophe, bei der ein Düsenjäger über der Zuschauermenge zerplatzte, hat dem Film einen neuen und schauerlichen Sensationswert verliehen. London Films, der ausgezeichnete Regisseur David Lean und seine Gattin, Ann Todd, die Hauptdarstellerin, können mit Recht zufrieden sein.

Es geht nicht mehr allein um Schnelligkeitsrekorde: es ist der Wettlauf zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Die exakte Wissenschaft ist schon längst die beste Quelle der Epik, Dramatik und der Drehbuchautoren geworden. Ganz London spricht von der "Schallgrenze", die man doch besser "Schallwand" nennen sollte, weil eine ganze Zivilisation in einem ihrer üblichen Räusche dabei ist, sich daran den Kopf einzurennen. In Farnborough gab es 25 Tote unter den 150 000 Zusehern; einen toten Beobachter und den toten Testpiloten John Derry. Auch am Tage darauf aber waren dort auf dem Platze, trotz schlechtem Wetter, genau so viele Menschen zusammengeströmt, um den urweltlich-unerklärlichen Knall zu vernehmen, mit dem die Menschheit in das Reich der schalljenseitigen Geheimnisse bricht. Und um auch den Krater zu sehen, den die abgestürzte Maschine in das Feld gerissen hatte.

"Aufgepaßt!" sagten sich Filmverleiher und Kinobesitzer – wir setzen den Film wieder an. Es ist ein grausamer Film. Noch stundenlang, nachdem ich ihn gesehen habe, schrecke ich bei jedem leisen Geräusch zusammen. Die Maschinen sind entfesselt. Wie gut, wie atemraubend, wie genau und spannend ist der Streifen, wenn die Maschinen sprechen! Wie banal und verlogen, wenn die Menschen zu Wort kommen: der brutale, ideal-versessene Unternehmer, der gemütlich versoffene Techniker, die nonchalanten und munteren Testpiloten, die teils tragischen, teils oberflächlich-wackeren Gattinnen!

Die Gattin des bedeutendsten Piloten (in dem Film) wehrt sich bei ihrem Vater, dem Unternehmer, gegen weitere Opfer. Sie will den Mann nicht hergeben. Aber am Schluß genügt ihr offenbar der Erfolg des zweiten Piloten, um sich mit dem Moloch eines fanatischen Vaters auszusöhnen. In der Wirklichkeit hat Frau John Derry, zwei Tage vor der Katastrophe, einem Boulevardblatt in London ein Interview gegeben, in dem sie sagte, sie wollte nicht um die Welt, daß ihr Mann einen anderen Beruf habe. Sie glaube zwar nicht an diese Ideale von "Fortschritt" und "Weltwichtigkeit"; aber für sie sei der Beruf ihres Gatten wie irgendein anderer Beruf, wo der Mann um neun Uhr fortgeht und um sechs Uhr zurückkommt. Und nach dem Unfall hat Frau Derry eine Erklärung in der Presse abgegeben, in der sie sagte, die Firma habe jede nur nötige Sorgfalt angewendet, und es sei ihr doch lieber gewesen, ihr Mann hätte einen Beruf gehabt, an den er geglaubt hätte.

Sie hat genau so gesprochen, wie die zweite Gattin in dem Film, die in dem Streifen sich gar nicht bewußt wird, daß ihr Mann etwas Besonderes vollbringt, wenn er die Schallwand durchstößt. O nein – sie kommt eine halbe Stunde nach der sensationellen Landung und zeigt ihm einen neuen Kleiderstoff, den sie sofort wählen muß. Es sei ungeheuer wichtig. Er lacht, sie lacht und – das Publikum lacht.

Sonst verhält sich das Publikum im Kino auch heute, nach der Farnborough – Katastrophe, mustergültig ruhig. Niemand atmet erregt, niemand tobt, schreit oder heult. Ich habe herausgefunden, daß die guten Engländer eben doch die idealen Piloten sind. Sie sind die geborenen Überwinder und Durchstoßer der Schallwand. Sie merken es gar nicht. Sie schweigen. Die berühmte "steife Oberlippe" sitzt rechts und links von mir im Zuschauerraum.