Bressanone ist ein gradstraßiges, schmuckes Städtchen in Italien. Dort leben angesehene Bürger und Tabakschmuggler, die nun auch angesehene Bürger werden wollen. Als man sie jüngst vor den Kadi zitierte, argumentierten sie so: Wir werden von der Polizei verfolgt. Das ist nicht nur unser Schicksal, sondern kostet auch Benzin. Benzin aber bedeutet Verdienst für den Staat. Eine gute Verfolgung hält selbst der beste Wagen nicht aus. Also muß er repariert werden. Das bringt Arbeit und Entlastung für den Staat. Einer allein kann die Säcke nicht durchs. Gebüsch schleppen. Also brauchen wir Hilfskräfte, die wiederum keine Arbeitslosenunterstützung beanspruchen. Und letzten Endes entstehen Revolutionen nur durch Unzufriedenheit. Die aber läßt sich durch Schmuggel verbilligtes Rauchen beheben. Endkonsequenz: Erweist sich ein Glied der staatlichen Gemeinschaft irgendwo als nützlich, soll man es nicht immer durch die Gerichte belästigen! – Wohlverstanden: ganz ernsthaft haben sie diese Argumente vor einem ernsthaften Gericht Vorgebracht und ebenso ernsthaft gebeten, sie zwar in Zukunft noch zu verfolgen (denn sonst fiele ja alle wirtschaftliche Hilfe, die sie dem Staat geben, weg), aber es mit einer zünftigen Verfolgung auch genug sein zu lassen.

Aber in Italien ist noch etwas anderes passiert: Die Falschmünzer (wenigstens die, die von der Polizei jetzt ausgehoben wurden) waren eigentlich gar keine Falschmünzer. Freilich stellten sie Münzen her, aber die Münzen unterschieden sich durch nichts – auch nicht durch den Silbergehalt – von den staatlich echten. Die gesetzlich ungeschützte Nachahmung – so erklärten sie vor Gericht – verpflichte zu größter Genauigkeit, da die Konkurrenz der Staatsmünze sonst zu groß sei. Sie münzten also nicht falsch, sondern goldrichtig oder besser: silberrichtig. Ihre Geschicklichkeit war so verblüffend, daß man wahrscheinlich erst nach einigen Jahren auf die Frage gestoßen wäre, weshalb es so viele reiche. Leute gibt. Und diese reichen Leute hätten sich dann gewundert, daß sie für ihr Geld keine Waren mehr bekommen. Die Regierung hätte wieder einmal abgedankt, weil man keiner Regierung eine Inflation verzeiht. Und eines Tages hätte man das Geld eingezogen und dabei festgestellt daß die Berufsgenossenschaft der Dukatenmännchen ein politischer Faktor ist, dessen privater Unternehmungsgeist nicht übersehen werden darf. Ob man sich dann für einen Prozeß oder für ihre Aufnahme ins Finanzministerium entschieden hätte, hängt wohl von der jeweils stärksten Partei, des Landes ab ...

Als nun aber die Herren wegen Falschmünzerei belangt werden sollten, hätten sie beinahe einen Beleidigungsprozeß gegen die Staatsanwaltschaft angestrengt. Was war denn falsch? Das Geld etwa? Und also mußte man sie freisprechen, um sie allerdings wegen Verletzung der Münzhoheit des Staates dann doch noch einzusperren...

In beiden Fällen sind die Argumente der Angeklagten lange diskutiert worden. Die einen meinten, der Nutzen ihrer Tätigkeit sei größer als ihr Verbrechen – die andern: sie hätten gar kein Verbrechen begangen. Und tatsächlich in beider Unehrlichkeit saß ein Quentchen Ehrlich-

keit. I. Jungclcus