Horst Lange: Ein Schwert zwischen uns. Roman. (Scherz und Goverts Verlag, Stuttgart–Hamburg, 224 S., Leinen 9,80 DM.)

Horst Lange hat seinem ersten Roman seit 1940 eine ungewöhnliche Bemerkung vorangeschickt: "Die Personen", sagt er, "stellen weder photographische noch sonst welche Porträts dar." Der Leser wird also von vornherein darauf hingewiesen, daß er nicht nur keine Reportage, sondern nicht einmal einen Roman im üblichen Sinne zu erwarten hat, nämlich eine Handlung, in der er mitlebt, weil die Menschen, die sie tragen, ihm als lebendige Wesen vor Augen gestellt werden. Er muß sich gefaßt machen auf eine sehr besondere Art von Allegorie, die aber nicht im Zeitlosen spielt, sondern, wie der Dichter weiter sagt, "den Erfahrungen entstammt, die ich während gewisser Perioden der Nachkriegszeit habe machen müssen".

Diese ersten Jahre nach 1945, in reichlich vielen photographisch-dokumentarischen Ausschnitten aus der eigenen Erlebnisperspektive der Autoren bereits auf genommen, sind bei Horst Lange nicht die Kulisse für Elend, Verzweiflung, Verbrechen, sondern bedeuten als Ganzes einen Inbegriff der unerfüllten Sehnsucht nach dem Guten inmitten einer schlimmen Welt. "Ein Mensch wird immer das tun, was man von ihm erwartet; fordert man das böse in ihm heraus, so wird er es rasch und besinnungslos vollbringen; verlangt man das Gute, so wird er sich vielleicht unter vielen Schwierigkeiten und Ausflüchten endlich vom bösen trennen; die einzige Hilfe aber, die man ihm geben kann, ist die Liebe. Wenn mehr Menschen auf der Welt wahrhaft geliebt würden, gäbe es weniger Unglück..." Je mehr nun die Ereignisse den Menschen nötigen, nur noch um die nackte Existenz zu kämpfen, desto ärmer wird die Welt an Liebe, aber desto größer das Verlangen danach. Desto unstillbarer auch der Wunsch, sich selbst aufzugeben und ganz für den anderen da zu sein. Da jedoch der andere von den gleichen Vorbehalten gehemmt ist wie man selbst, wird das Vermögen zu lieben immer geringer. Die Erkenntnis, daß immer "ein Schwert zwischen uns liegt", führt zu einer hektischen Jagd nach Liebe.

Symbolisch dafür ist ein kühn erfundenes Geschehnis, das der Ich-Erzähler Jahre danach, als die Erregung des Augenblicks schon abgeklungen ist, aus dem Munde der Frau erfährt, in die er selbst seine letzte Hoffnung setzt: eine Liebesnacht zwischen Opfer und Henker. Esther, die Schweizerin, wurde auf dem mütterlichen Gut in Rumänien vom russischen Vormarsch überrascht und von den Besatzungstruppen in ein Frauenlager verschleppt. Hier begegnete sie dem Mann wieder, der sie während des Krieges in einer Bukarester Bar faszinierte. Er ist ein robustdekadenter Adliger, den die Russen als Funktionär für die Auswahl von Frauen für ihre Offiziersbordelle eingesetzt haben. Esther, die er geflissentlich übersieht, meldet sich freiwillig. Sie folgt "der Herausforderung jenes dunklen, schweren, magnetischen Blicks". Als ihr klar wird, daß in ihm das gleiche Verlangen nach Erlösung von der Einsamkeit brennt, beginnt sie ihn zu lieben und weckt damit seine Liebe. Aber auch in der Erfüllung spürt sie: "Es war wie ein Schwert, das zwischen uns war." Sie verläßt ihn beim Morgengrauen und flieht mit seinen Papieren.

Dieser Mann, der sich später Bertuch nennt, hat viele Namen und viele Gesichter. Die Frauen, nach dem Kriege ohne Halt, erliegen der dunklen Faszination seines Blicks, er aber sucht die Frau, zu der er, nach der Weise des mittelalterlichen deutschen Dichters sagen kann: "Ich bin dîn, du bist mîn ..." Doch als er sie in dem Ostflüchtling Marion gefunden zu haben glaubt, lockt ihre widerwillige Furchtsamkeit seine gewalttätigen Instinkte hervor. Als er sie zwingen will, sein Leben zu teilen, erschießt sie ihn.

Das ist in groben Zügen der Umriß der Handlung. Horst Lange entfaltet ihn in absichtsvoll künstlicher Verschachtelung. Er verknüpft den Ich-Erzähler, einen Geschlagenen, der sich wiederaufzurichten strebt und das östliche in sich überwinden möchte, mit dem ganz und gar östlich empfindenden und handelnden Bertuch, einem Abkömmling der Karamasoffs, durch vier Frauen: die Polin Marion, zum Dienen geboren und dennoch ohne Dienst; die Halbrumänin Esther, die sich der ost-westlichen Seelenkonflikte am tiefsten und klarsten bewußt ist, dazu die Westeuropäerinnen Lucile und Genevieve, die aus Langerweile unersättlich im Chaos versinken.

Horst Langes Roman, in intensiver Feinarbeit gereift und geschliffen, mag während des ersten Lesens nicht ganz den Erwartungen entsprechen, die man nach so langer Pause an einen neuen Roman des Dichters der "Schwarzen Weide" und der "Ulanenpatrouille" gestellt hat. Überdenkt man ihn indessen nach der Lektüre, dann fügen sich die kunstvollen Einzelheiten mühelos zu einem berückenden und beklemmenden Gleichnis unserer Zeit. Elisabeth Verden