Wer über die Einkommensteuertabelle reden will, muß vorher alle Neidgefühle über Bord werfen. Denn alle Ideologien, die auf der Grundlage des – oft gedachten und stets verschwiegenen Satzes "Wenn ich nur 503 Mark" verdiene, dann braucht ein anderer nicht 3000 zu haben" in Steuerdebatten vorgebracht werden, sind allzu verlogen, als daß sie Nutzen bringen könnten. Die Einkommensteuer soll nicht dazu dienen, eine relative Gleichheit der Nettoeinkommen herbeizuführen, sondern einen möglichst hohen Steuerertrag zu sichern. Denn der Staat braucht immer mehr Geld, und dieses Geld nimmt. er, wo er es findet, also in der direkten Besteuerung vor allem bei den höheren und hohen Einkommen. Das Ziel der Steuerprogression, nämlich ein möglichst hohes Aufkommen, ist aber ein Ziel, das leicht dazu verleiten kann, die Steuersätze immer weiter zu erhöhen und die Progression immer mehr zu verschärfen. Denn wenn man dumm genug ist, dann leuchtet einem ein, daß der Staat, wenn er ein Einkommen von 20 000 Mark mit 60 v. H. besteuert, mehr einnimmt, als wenn er es mit 30 v. H. besteuert (wie dies zur Zeit geschieht). Das "soziale" Argument ist rasch zur Hand. Denn der Mann mit den 20 000 DM hat dann immer noch 8000, während ein Arbeitsloser mit 1400 und ein Rentner gar mit 600 oder 800 auskommen muß. Die Rechnung ist aber falsch.

Wenn man tatsächlich eine solche Steuererhöhung vornehmen wollte, dann würde dieses Einkommen von 20 000 DM verschwinden oder sich in ein Einkommen von 10 000 DM verwandeln. Das geschieht – wenn man die Möglichkeit der Steuerhinterziehung beiseite läßt – auf zwei Wegen. Einmal durch Leistungsrückgang, der nämlich dann eintritt, wenn der Unterschied zwischen einem Einkommen von 10 000 DM, von dem 7000 DM übrigbleiben, und einem von 20 000 DM, bei dem 8000 DM übrigbleiben, so klein wird, daß ein Anreiz zur Leistung nicht mehr gegeben ist. Der andere Weg ist der der Kostenerhöhung. Denn wenn das Finanzamt von 10 000 DM für sich 3000, von 20 000 aber 12 000, das heißt von den-zweiten 10 000 bereits 9000 oder 90 v. H. in Anspruch nimmt, dann zahlt es auch von allen Kosten bis zur Höhe von 10 000 DM 90 v.H. Das ist ein theoretisches Beispiel, denn bei 20 000 DM beträgt die Einkommensteuer heute 30 und nicht 60 v. H.; wohl aber gibt es etwas weiter oben in der Tabelle Fälle, in denen 80, 90, ja 95 v. H. jeder Einkommensteigerung weggesteuert werden, wodurch diese gänzlich nutzlos wird.

Es ist eines der größten Verdienste des Bundesfinanzministers Schäffer, daß er 1950 wenigstens diese Tabelle an Stelle der hysterischen Sätze von 1949 durchgesetzt hat. (Von den nach der Kapitulation eingeführten Steuersätzen wird hier abgesehen; sie waren ebenso progressiv wie die Torheit ihrer Autoren, die im Ernst glaubten, daß man in den hohen Einkommensgruppen mehr als 100 Prozent Steuern eintreiben könne) Das ändert aber nichts daran, daß die Einkommensteuersätze fast in allen Stufen mehrfach höher sind als vor dem Kriege. Zum Vergleich die folgende Tabelle: (Berechnet für einen Steuerpflichtigen mit zwei Kindern.)

- / 1935 / 1935 (bericht.) / 1952 Deutschl. / 1952 USA

Einkommen DM bzw. RM / Steuer in Prozenten des Einkommens

3200 4,4 1,8 3,2 –

6000 6,3 4,5 10,0 –