John Steinbock: Die wilde Flamme. Eine Schauspiel-Novelle (deutsch von Ilse Krämer, Humanitas Verlag, Zürich, 151 S.). Jean-Paul Sartre: Das Spiel ist aus. Filmnovelle (ro-ro-ro-Taschenbuch, Rowohlt Verlag, Hamburg, 154 S., 1,50 DM).

Müssen Theaterstücke so gedruckt sein, wie es üblich ist: nur Dialog mit mehr oder weniger knappen Regieanweisungen, daß sie nur von Theaterfachleuten und -enthusiasten gelesen werden, nicht aber von Romanlesern? Müssen Filmdrehbücher nach Bild und Ton getrennt und in viele Hunderte von Einstellungen abgeteilt, für den Laien also Bücher mit sieben Siegeln sein? Steinbeck beweist für das Drama, Sartre für den Film, daß man es auch anders machen kann.

"Menschen und Mäuse", in Deutschland viel gespielt, hatte als Buch schon die gleiche Form wie jetzt "Die wilde Flamme": Steinbecks "Schauspiel-Novellen" sind zugleich "Schauspiele, die leicht lesbar, und Novellen, die leicht aufführbar sind". Wie bei "Menschen und Mäusen" braucht auch bei der "Wilden Flamme" der Dialog nur herausgeschält zu werden, damit sich ein spielbares Theaterstück ergibt. Neu aber ist in Steinbecks jüngstem Werk das mit jedem der drei Akte sich ändernde Milieu. Die vier Personen – der Mann, die Frau, der Liebhaber und der Freund – handeln im ersten Akt als Glieder einer Dynastie von Zirkusartisten, im zweiten Akt als seit Jahrhunderten ansässige Bauern und im dritten als Seeleute, deren Urväter schon auf dem Meere fuhren. Trotzdem geht die Handlung fort: die Frau liebt den Mann, von dem sie weiß, daß er unfruchtbar ist, so sehr, daß sie, um ihm das ersehnte Kind zu schenken, eine Nacht mit einem jungen Verehrer verbringt; der Mann wird, nachdem er durch einen Arzt erfahren hat, daß er nie Kinder haben kann, von dem Freunde über den wahren Sachverhalt unterrichtet und erkennt nach Überwindung seines "selbstmörderischen Instinkts", "daß jeder Mann aller Kinder Vater ist, und daß jedes Kind alle Männer zum Vater hat".

Es ist faszinierend, wie Steinbeck durch den Wechsel der Schauplätze dem heiklen Thema die Peinlichkeit nimmt und, ohne darauf zu verzichten, die Dinge beim Namen zu nennen, es mutig und taktvoll zugleich ins mehr als Persönliche erhebt. Damit gibt er ihm Allgemeingültigkeit.

Sartres Filmnovelle Les Jeux sont fait hat ihre Allgemeingültigkeit schon auf der Leinwand bewiesen. Das Buch konnte ohne filmtechnische Erweiterungen als Unterlage bei der Dreharbeit dienen – und ist doch eine in sich geschlossene Erzählung mit echter Novellenform.

Cornelius Cohn

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