Wer in den schon sehr herbstlichen Tagen der letzten Woche im Auto durch die Bundesrepublik fuhr, stieß oft auf militärische Fahrzeuge, abgesperrte Straßen, auf Schilder mit Symbolen und Zahlen. Das war im Süden so, im Norden und auch in dem Zwischengebiet. Und wer in bestimmten Gegenden des sowjetisch besetzten Teils Deutschlands wäre, hätte ähnliches bemerken können, nur daß er – anders als im Westen – als harmloser Zuschauer kaum geduldet worden wäre.

An sich sind Manöver kein Grund zur Aufregung, sie gehören in den Gang der militärischen Ausbildung und sind für den Soldaten wie für den Bauern eine jahreszeitliche Erscheinung. Aber selten haben Manöver so viel Aufmerksamkeit hervorgerufen wie die jetzigen in den beiden Hälften Deutschlands. Während es den meisten Deutschen der Mittelzone sicher lieber gewesen wäre, daß die Truppen in den schmutzigbraunen Sowjetuniformen dort übten, wo sie zu Hause sind, konnte man im Westen sehr deutlich feststellen, daß die Masse der Bevölkerung der Meinung war: Wenn schon Manöver, dann diese, die unserer Sicherheit gelten.

Bei den alliierten Manövern in der Bundesrepublik trafen sich Kriegsminister, Marschälle, Oberkommandierende und Generalstabschefs aus sieben Nationen des Westens. Im östlichen Raum Westfalens, wo die britische Rheinarmee zusammen mit belgischen, – holländischen und kanadischen Truppenteilen übte, gehörten sie ebenso zu den etwa 350 Zuschauern wie die 100 Presseleute. Während sich die ausländischen Journalisten vorwiegend für das interessierten, was auf dem Manöverfelde geschah, versuchten die Deutschen darüber hinaus Rückschlüsse auf die alliierten Führungsabsichten im Ernstfalle zu ziehen – und die deutsche Öffentlichkeit mit ihnen.

Können Manöver wirklich auf solche Fragen Antwort geben? Man kann darauf nur mit "Nein" antworten. Der taktische Übungszweck jedes Manövers ist es, möglichst alle Kampfarten im größeren Verbände zu üben. Es wird also immer eine der beiden Parteien sich verteidigen oder sich zurückziehen und die andere angreifen und vormarschieren. Die Tatsache, daß bei den diesjährigen britischen Manövern die Bewegungen von Osten nach Westen liefen, besagt genau soviel wie, daß sie im Vorjahre von Norden nach Süden führten – nämlich gar nichts.

Daß sie diesmal westlich der Weser stattfanden und im vorigen Jahr östlich, hat nur den Grund, daß man aus Rücksicht auf die Bevölkerung die Übungsräume wechselt. Wirklich reale Schlüsse kann der Beobachter nur aus den militärischen Fakten ziehen, die er sieht und erkennt. So ist es ein Faktum, daß in diesem Jahr zum erstenmal auf deutschem Boden auch westliche Streitkräfte übten, die nicht Besatzungstruppen sind, nämlich Holländer und Kanadier. Die Gemeinsamkeit der westlichen Verteidigung wird damit sichtbar. Es ist ferner offensichtlich, daß die enge Koppelung und der gemeinsame Einsatz von Truppen verschiedener Sprache in Führung und Verwendung große Fortschritte gemacht hat. Im vorigen Jahr konnte man nur kleine anderssprachige Einheiten entdecken, diesmal bewegte man belgische und niederländische Divisionen zwischen und mit den englischen, ohne daß es mehr Reibungen gab, als sie nun einmal auch in national geschlossenen Verbänden unvermeidbar sind. Freilich ist die Frage der unmittelbaren Zusammenarbeit der Truppe in der vorderen Linie noch nicht ganz so gelöst wie bei den Stäben, aber wesentlich weitergekommen ist man auch hier.

Noch eine andere wichtige Erkenntnis brachte das Manöver: die unaufhaltsam weitergehende Technisierung stellt immer größere und kompliziertere Anforderungen an Truppe und Führung. Die Spezialisierung, die auf allen Gebieten das Zeichen unserer Zeit ist, beherrscht auch den gesamten Apparat moderner Streitkräfte und wirft heute schon Probleme auf, die es selbst im zweiten Weltkrieg noch nicht gegeben hat. Der Versuch, sie zu meistern, war unter anderem Zveck der Übungen.

1951 war der Centurion-Panzer eine zwar eindrucksvolle, aber ziemlich unerprobte Neuerscheinung. 1952 konnte man von kriegserfahrenen Soldaten aus Korea hören, wie sehr er sich in den schwierigen Verhältnissen dort bewährt hat. Die sicherlich kritischen vier deutschen ehemaligen Offiziere der Dienststelle Blank, die mit ihrem Chef gekommen waren, hielten mit ihrer Anerkennung nicht zurück, ebenso wie sie an der Haltung der Truppe, dem Stellungsbau und der aufs fallend guten Tarnung nichts auszusetzen fanden. Sie hoben auch die gute Organisation und das kameradschaftliche, ressentimentlose Entgegenkommen hervor, das sie fanden. Im übrigen schienen sie besonders für die deutschen Presseleute interessant, vielleicht weil gerade kürzlich ein ehemaliger älterer deutscher General sie in einem scharf ablehnenden Artikel als allgemein ungenügend, unerfahren und zu jung bezeichnet hatte. Eine Apostrophierung, die auf die etwa 45jährigen Offiziere, die seit Gründung der deutschen Panzerwaffe in dieser aufgewachsen sind und an allen Fronten gestanden haben, nicht zutreffen dürfte. J. R.