Von Emil Preetorius

An Ausstellungen von Kinderzeichnungen in aller Art und Welt ist heute gewiß kein Mangel. Und insofern ist diese Münchener Darbietung der Internationalen Jugend-Bibliothek kein neues, auffälliges Ereignis. Was sie zu etwas Besonderem macht, ist aber das Thema, auf das zum ersten Male die Bemühungen der kindlichen Bildner einheitlich versammelt sind. Und dies Thema ist das eigene Selbst. Denn dies Selbst ist dem kindlichen Wesen ein sehr fern liegendes Objekt: sein Augenmerk im wörtlichen und übertragenen Verstande, sofern es unbeeinflußt bleibt, ist von sich selbst fort und nach außen, zum andern hin gerichtet. Die alte psychologische Wahrheit, daß das Du älter ist als das Ich, sie gilt gerade auch für alles bildnerische Erfassen. Und daher rührt es denn, daß die Stoffe, die Themen der ersten kindhaften Kritzeleien, der ersten tastenden Zeichenversuche überall ähnlich sind: beim Kinde in Berlin wie in New York, in Peking, Paris oder Sydney, in Stadt oder Land. Es sind allemal Papa und Mama, Geschwister und Kameraden, der Wau-Wau, die Puppe, Stuhl, Tisch, Garten oder was immer als umgebendes Außen, als vertrautes Gegenüber dem aufnahmewilligen kindlichen Blick sich bietet.

Mit seinem Selbst sich aber bildnerisch auseinanderzusetzen, dem Eigenantlitz sich hinzuwenden, das bedeutet, für die kindliche Seele eine völlige Umstellung, eine Drehung um 180 Grad. Diese Wendung ist von so ungewohnter, so entschiedener Art, daß sie nicht ohne eine gewisse Gefährdung des naiven Sinnes, der kindertümlichen Sehensweise vollzogen werden kann. Und es gibt in dieser Versammlung von mehr als 300 Kinderbildnissen wohl einige, bei. denen diese Gefährdung in verschiedener Weise deutlich zu spüren ist. Es ist die Verwendung eines Spiegels oder eines Photos, zu der das Bildbemühen ums eigene Antlitz gedrängt und solcher Art das versuchte Selbstporträt alsdann kontrolliert, korrigiert, wenn nicht gar direkt nachgezeichnet wird. Damit aber ist an Stelle eigentlichen Gestaltens, schöpferischen Tuns im echt kindlichen Sinne ein mehr oder minder mechanisches getreten. Doch bleiben solche Beispiele eines bloßen Ab- oder Nachbildens bemerkenswerterweise nur vereinzelt. Im großen und ganzen sind diese Bildnisse wohl aus einer gewissen Kenntnis, aus einem Wissen ums eigene Selbst, um den eigenen Habitus gestaltet und dennoch in unbekümmert freier, eigenwilliger, phantasiereicher, mitunter symbolisch erhöhter Art zeichnerisch realisiert. Es wird dabei evident, daß im Kinderherzen zwischen Schauen und Wissen noch kein Widerstreit herrscht, und die höchst subjektive Vorstellung, die "inwendige Figur" nach Dürers schönem Wort im werdenden Menschen noch durchaus dominieren und die eigentliche, geheimnisreiche Objektwelt, die Sinneswirklichkeit des Kindes schaffen, wie denn das, was wir so Wirklichkeit nennen, allemal geistig-seelische Schöpfung ist.

Die immer wieder erörterte Frage, ob man das Gestalten aus kindlicher Geisteslage Kunst nennen dürfe oder nicht, ist eine Frage des Aspektes. Vom Psychologischen, vom Schaffensprozeß aus betrachtet ist die kindliche Leistung keine Kunst, da ja das Kind den Begriff noch nicht fassen, also keine Kunst um der Kunst willen machen kann. Vom Geschaffenen, vom Objekte aus betrachtet, ist aber die kindliche Leistung insofern Kunst, als die gleichen geistigen Voraussetzungen, wenn auch im keimhaften Zustande, darin erkennbar, sind, die der Entstehung aller Kunst zugrunde liegen. Die kindlichen Bildversuche sind schließlich nicht anderes als eine erste frühe Regung der großen, formschöpferischen Kraft des menschlichen Geistes, der Kraft zur neuschaffenden Verarbeitung, zur Deutung, Klärung und Erhöhung der Sichtbarkeit der Welt: es ist die Kraft, die das Wesen aller Kunst in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit ausmacht bis hinauf zu ihren höchsten Äußerungen.

Zwei Merkmale sind es, die diese Münchener Ausstellung früher Selbstporträts dem aufmerksamen Betrachter deutlich werden läßt. Es ist einmal ein gemeinsames Gepräge, das alle noch so verschiedenartigen Leistungen kennzeichnet als das Gepräge schöpferischen Tuns, das nicht aus der Wachheit eines seiner selbstbewußten Ichs erwächst, sondern aus der verhangenen Sphäre eines träumend unbewußten Es. Und alsdann, trotz dieses gemeinsamen Charakters, sind es die feinen, aber untrüglichen nationalen Differenzen in der zeichnerischen Formulierung, in Lineament, Farbwähl, Komposition und Gesamtauffassung, die beredtes Zeugnis geben von der Zugehörigkeit zu einer jeweiligen Kultur mit ihren jeweils besonderen Gegebenheiten aus Raum und Blut, aus Glaube und Geschichte, die europäischen Blätter neben denen aus Nordamerika, sie alle zusammen wieder neben denen aus Nah-, Mittel- und Fernost (wobei die japanische Kollektion sich besonders hervorhebt). Auch die europäischen untereinander, die englischen und die nordischen und die aus Frankreich und Italien zeigen Vielfalt und Einheit zugleich: das ist das fesselnde Bild dieser Galerie aus kindlicher Hand.