Gegen Ende der Weimarer Republik, als die Soziologie die Wissenschaft der Zukunft schien, hat einer der klügsten ihrer deutschen Repräsentanten das Wort von der „freischwebenden Intelligenzschicht“ erfunden, das bald vom allgemeinen Sprachgebrauch übernommen wurde. Es sollte besagen, daß die Angehörigen der geistigen Berufe, und ganz besonders die Wissenschaftler, die Künstler und die Publizisten, in ihrem Denken nicht klassengebunden sind wie einerseits die Unternehmer, Grundbesitzer, Offiziere, Beamten und Handwerker, andererseits die Arbeiter, sondern jederzeit zwischen den Klassen optieren können – frei in ihren Entscheidungen für diese oder jene politische Richtung, frei auch, sich jeder politischen Entscheidung ganz zu enthalten und nur ihrer Forschung, ihrem Werk zu leben.

Dieser kuriose Versuch, die Geistigen dadurch in ein Gedankensystem von der Gesellschaft einzubauen, daß man sie als über der Gesellschaft „frei schwebend“ Zeichnete, entsprach damals noch der Haltung der meisten deutschen Intellektuellen. Die Wissenschaftler (einschließlich der Soziologen) trieben die Wissenschaft um der Wissenschaft willen, die Dichter weilten im Reich der unbefleckten Dichtung, die Maler wollten nur der Kunst dienen. Sie alle schwebten frei – über den Nöten, den materiellen und den geistigen, ihrer im Interessenkampf zerrissenen Zeitgenossen, des „Volkes“. Daß Wissenschaft und Kunst, daß Wort- und Bild Verantwortung in sich tragen, war damals nur noch den wenigsten bewußt.

Wo dies Verantwortungsbewußtsein wieder wach wurde, sah es sich sofort gedrängt, Partei zu nehmen. Da die Intellektuellen es versäumt hatten, sich rechtzeitig über die treibenden Kräfte der Zeit in eigenem Studium zu orientieren, waren sie vor die radikalste Optionsformel gestellt, die auch für ein provisorisches Denken die bequemste war: die marxistische. Da gebe es, so erfuhren sie, auf der einen Seite die „satten Bürger“, auf der anderen die von der Erfüllung ihres Lebenssinnes Ausgeschlossenen, die „Proletarier“. Es war eine bestechende Typologie. Denn der Unterschied von Besitz und Lohnsklaverei, fast identisch mit dem Unterschied von Bildung und Primitivität, fiel ins Auge. Und für wen sollte der rechtschaffene Geistige optieren, wenn nicht für die, denen mit dem Wohlstand auch die geistige Entwicklung abgeschnitten war?

So kam es, daß der Weg vom reinen Geist in die Verantwortung nur als Weg nach „links“ möglich schien, daß immer mehr aus der jungen Intellektuellen-Generation von 1930 dem militanten Marxismus naherückten und daß die Begriffe Künstler und Edel-Kommunist fast gleichbedeutend wurden.

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„Links wo das Herz ist“ heißt das Bach, in dem ein deutscher Dichter, zu jener Zeit schon ein Fünfziger und von den Jüngeren als Schrittmacher des Weges nach links geehrt, sein Leben beschreibt: Leonhard Frank (Nymphenburger Verlagshandlung, München, 260 S., 11,80 DM)

Frank, Sohn eines Würzburger Schreinergesellen, der achtzehn Mark in der Woche verdiente, hätte seiner Herkunft nach in die proletarische Front gehört. Aber er schert schon mit dreiundzwanzig Jahren aus und geht, sechzig ersparte Mark im Brustbeutel, nach München, um „Kunstmaler zu werden, und zweifellos der berühmteste von allen“. Es ist (1905) die Zeit der großen Bohème von Schwabing, und Frank wird unter die Zigeuner aufgenommen. Er pendelt zwischen „grenzenlosem Größenwahn“ und den Depressionen des Unberühmten – erst im Münchener Café Stephanie, dann im Berliner Café des Westens. Nietzsche und Freud, das sind die Halbgötter. Aus dem Unbewußten, dem Traum – er sieht seine Vaterstadt in Flammen aufgehen –, kommt dem Berliner Bohemien der Impuls, den Roman der armen und fröhlichen Würzburger Jugend zu schreiben, die „Räuberbande“ (1913).