Seit mehr als zwanzig Jahren besitzen Sammler von Schallplatten das Lied "Parlez-moi d’mour" als wohlgehütete Konserve. Seit mehr als zwanzig Jahren bekommen Leute, die es kennen und nennen, einen schwelgerischen liebenswerten Zug im Gesicht. Und immer fällt dann der Name: Lucienne Boyer.

Nun steht sie wieder auf der Bühne in Deutschland (in Hamburg), die mit diesem Lied eine berühmte Diseuse wurde. Mit Grazie kommt sie herein und ist da – ganz da. Sie singt ihre Lieder, und in der Stimme klingt die betörende Sinnlichkeit von einst. Sie macht ein paar zärtliche oder traurige Bewegungen und bevölkert, ganz allein im weiten Raum, die Bühne und die Luft darüber mit ihren lustigen, liebenden, treuen und untreuen, glücklichen und unglücklichen Gestalten aus ihrem Pariser Quartier, mit Liebhabern und Dirnen, Sentimentalen und Lebensverächtern und Einsamen, und einige Male singt sie hierhin und dorthin direkt ins Parkett.

Wer sie damals nicht gesehen hat, kann sich nicht genau vorstellen, welche Beifallsstürme sie schon damals entfesselte. Sie bewegt sich nur noch sehr gemessen und deutet hin und wieder ein paar schwebende Tanzschritte an. Klug bedacht hat sie außer dem Klavierspieler einen zweiten Begleiter an einer Ondioline mitgebracht, einem zierlichen Zauberinstrument, das zwischenein durch täuschend echte Geigen-, Orgel- und Flötentöne verblüfft. Sie erscheint um eine Spur weniger schmal und weniger schnell, um jene Spür, die ihrem Alter angemessen ist und sie auch heute zu einer schönen Frau macht. Eine große Dame steht auf der Bühne, eine Dame von Weltruhm, die ein Gastspiel gibt und morgen nach Kopenhagen, London, New York weiterreist. Eine reife, sehr reizvolle Frau, die mit berühmtem pariserischem Charme, mit Witz und Geist und Raffinesse ihre Chansons serviert, in jeder Nuance beherrscht und berechnet. Aber sie verfügt über Nuancen, die heute kaum noch nachempfunden werden können. Und das Timbre ihrer Stimme ist original Lucienne Boyer.

Das Publikum, das genießerisch und beifallsfreudig dasitzt, wartet darauf, Parlez-moi d’amour" zu hören. Es ist dankbar, eine bezaubernde Nachtstunde mit betörenden heiteren und traurigen, simplen, aber spannungsgeladenen Liedern zu erleben. Obwohl die Diseuse die ganze prickelnde Atmosphäre um sich verbreitet, die die reife Französin auch im Alter umgibt, ist sie an diesem Abend im September 1952 am gewinnendsten nicht in ihren berühmten Liebesliedern, die immer noch mehr Charme haben als heutige Modeschlager, vielmehr erschüttert sie wie einst die berühmte Yvette Gnilbert in verhalten dramatischen Vorträgen des Verzichts: wenn sie das Lied von der alten Trinkerin singt, das tapfere "Mai je crache dans l’eau" oder das verzweifelt-freche "Dans la fumée", die Rückseite der Schallplatte von "Parlez-moi d’amour".

Am Schluß aber, wenn sie – jetzt ganz ohne sich zu bewegen – wie ein kleines Gebet die letzte Zeile ihres berühmtesten Liedes "Ich lieb’ dich" mit großer Innigkeit vorträgt, ist sie ganz Eros im nachtblauen Abendkleid. EM