Die Frage, ob die gegenwärtige Zurückhaltung des Börsenpublikums von längerer Dauer sein wird oder ob man es nur mit einer vorübergehenden Atempause zu tun hat wird immer noch, unterschiedlich beurteilt. Fest steht jedoch, daß die Banken in der zurückliegenden Woche nur sehr venige Kaufaufträge vorliegen hatten. Dabei fiel besondere das Fehlen der Sperrmark orders auf, die in den Börsensälen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Sie bilden zurzeit die einzige schwache Brücke, auf die de Reaktionen des internationalen Valutamarkts zu uns gelingen. Das heißt, ist die Sperrmark im Ausland fest, werden die Käufe gestoppt und man schreitet zu Realisationen. Tritt der umgekehrte Zustand ein, so macht man sich die vergrößerten Margen zunutze und erwirbt für relativ weniges Geld die ohnehin immer noch billigen deutschen Papiere. Diese Art von Handel wirft natürlich hübsche Gewinne ab. Dennoch kann festgestellt werden, daß die Masse der ausländischen Kundschaft an ihrem Besitz festhält und sich durchaus der Preiswürdigkeit der deutschen Industrieaktien bewußt ist.

Wie immer nach einer schwachen Börsenwoche, setzten von den norddeutschen Plätzen und von Berlin ausgehend vorsichtige Rückkäufe ein, die die Tendenz wieder freindlicher gestalteten. Da à la lonque in den Papieren kein Risiko liegen dürfte, reizten die Abschläge der letzten Tage natürlich zum "Wie der ein steigen"; Davon profitierten be den Montanen die Rhein. Stahlwerke, die Vereinigten Stahlwerke, und die GHH. Eisenhütten konnten mit 107 v. H. sogar mit einem Plus gegenüber der Vorwoche abschließen. In Düsseldorf, Frankfurt und München waren die aufgezählten Aktien allerdings noch leicht rückläufig. Für die Montarwerte wäre es gut, wenn die Bewertungsarbeiten bei den Altgesellschaften nun endlich zum Abschluß kämen. An der Börse möchte mancher Kunde allmählich festen Boden unter die Füße bekommen und nicht nur auf die schwankenden Umstellungstaxen angewiesen sein.

I G-Farben-Aktien konnten ihren Kursstand ebenfalls nicht behaupten und gaben von 111 v. H. auf 106 v. H. (effektive Stücke) und von 106 3/4 auf 103 3/4 (Neugirosanmelanteile) nach. Aber auch hier waren die Tiefstkurse zum Wochenende bereits überwunden. Bei den Elektropapieren wurde auf ermäßigter Basis gehandelt, obgleich die hier gemeldete Konjunktur das Gegenteil erwarten läßt. AEG fielen von 36 auf 34 1/4 v. H. zurück und Siemens St. gaben um 5 1/2 Punkte auf 116 v. H. nach. Die kürzlich bei Siemens erlebte und aus dem Rahmen fallende Steigerung dürfte vermutlich mit verursacht sein durch die zu erwartende Rückgabe der 100prozentigen Beteiligung an der Albis-Werke AG., Zürich. Das AK dieser Gesellschaft beträgt 1,5 Mill. sfrs. Der Wert dieser Beteiligung soll sich jedoch auf ein Mehrfaches des Grundkapitals belaufen. Kaliwerke folgten der leicht abwärts gerichteten Tendenz und waren um 2–4 Punkte schwächer. Auch die ehemaligen Großbanken konnten ihren Stand nicht halten, doch sind hier die Anschläge nur unwesentlich. Angesichts der bevorstehenden Hauptversammlungen, die ersten nach der Kapitulation, ist hier die abwartende Haltung verständlich.

Da die angekündigten Tariferhöhungen für Strom und Gas anscheinend doch nicht so reibungslos über die Bühne gehen dürften, wie man es bei den Gesellschaften erhofft hatte, haben diese Papiere für die Börse wieder an Interesse verloren. Von den Plänen der Hamburger Electricitätswerke, das Grundkapital im Wege einer Neuemission zu erhöhen, wird im Augenblick nicht mehr gesprochen. Brauereien blieben im Hinblick auf das jetzt zu Ende gehende Geschäftsjahr mit seinem gestiegenen Absatz gefragt. Eine bemerkenswerte Sonderbewegung war bei der Hamburger Elbschloß-Brauerei zu beobachten. Die Aktien setzten ihren Kursanstieg von 112 1/2 auf 128 v. H. fort. Selbst wenn man für die Zukunft eine 4–6prozentige Dividende zugrunde legt, ist dieser Kurs nach den renditelosen Jahren kaum zu rechtfertigen. Auf der Suche nach Gründen für diesen ungewöhnlichen Kursanstieg vermutet man in Börsenkreisen Positionskäufe und erinnert in diesem Zusammenhang an die vor einiger Zeit erfolgte Beteiligungsabgabe an der Hercules-Brauerei. Trotz des ständig heraufgesetzten Geldkurses für die Elbschloßaktien blieb ihr Börsenumsatz gering. Holstenbrauerei gewannen 8 Punkte und schlossen zu 110 v. H.

Der Rentenmarkt steht in Erwartung des Kapitalmarktförderungsgesetzes, das den in der Bevölkerung wieder vorhandenen Sparwillen auch für die DM-Pfandbriefe mobilisieren soll. Auch für die alten RM-Pfandbriefe liegen berechtigte Aussichten für eine Aufbesserung vor. Das Lastenausgleich sgesetz bietet Sicherheit für eine Aufwertung und es liegt bereits ein Diskussionsgesetzentwurf vor, der einen Teil des Unrechts beseitigen soll, das den Pfandbriefsparern bei der Währungsreform beseitigen soll. Da angestrebt wird, den Aufwertungsanspruch an die jeweiligen Stücke zu binden, ist es ratsam, an dem Altbesitz festzuhalten. Vorsichtige Leute bevorzugen die Vorkriegsemissionen, da für die Aufwertung der nach 1939 aufgelegten Anleihen noch Zweifel zu bestehen scheinen. –ndt.