Pravernünde ist nicht berühmt geworden durch Tagungen und auch nicht dadurch, daß es seit eh und je der "Freien und Hansestadt Lübeck" zugehörte. Travemündes Ruhm ist einer Chronik aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu entnehmen. Es heißt in ihr, daß in der kleinen Stadt an der Mündung der Trave, dieses Flüßchens, das sich vorher etwas mühselig durch flache, feuchte Wiesen zur Ostsee vorgedrängt hatte, daß an diesem Ort schon damals "die Jugend auf den Reunions flirtete, während das Alter dem Jeu huldigte" — Heute gilt dieser Satz noch immer, wenn auch in etwas veränderter Form: auch die Jugend "huldigt" heute meistens dem "Jeu", während die Kunst des Flirtens selbst im vornehmen Travemünde nicht mehr besser beherrscht wird als anderswo. Auch die sportlichen reichen jungen Männer aus dem zurückhaltenden Norden reden heute nicht mehr lange drumherum, sondern hauen ihren braungebrannten sportlichen Mädchen bei passender Gelegenheit eins hinten vor und sagen: "Komm, Puppe".

In diesen Septembertagen schien die Sonne auf die blaugraue Ostsee, auf die Strandpromenade mit den bunten Fahnen und die alte Kirche und die Segeljachten im Hafen. Sie schien aber auch auf den 6. Deutschen Bädertag, auf die Tagung der "Deutschen Gesellschaft für Rheumatoilogie" und die der "Deutschen Gesellschaft für Physikalische Therapie, Balneologie und Rioklimatologie" — Genau genommen schien sie natürlich nur auf die Teilnehmer all dieser Tagungen: auf Ärzte, Physiker, Kurdirektoren, Verkehrsfachleute — Über die Straßen der Stadt, über die gepflegten Parks und die kiesbestreuten Wege flogen braune Blätter. Sie und der Wind und nicht die Sonne und die letzten Unentwegten, die in der See badeten, bestimmten das Bild der Jahreszeit, so wie die Ärzte und Kurdirektoren die menschliche Atmosphäre bestimmten, während die Croupiers im Casino mit ihrem nicht eleganten, sondern nur noch stupide klingenden "Rien traten.

3So hörte man die Vorträge der Rheumatologen. Man erfuhr, daß das Rheuma eine rechte Landplage geworden ist: daß in der Schweiz beispielsweise die Soziallast des Staates bei den Rheumakranken mehr als doppelt so groß ist als bei den an Tuberkulose Erkrankten. Wie das kommt? Nun, Rheuma kann man mit siebzehn Jahren bekommen und achtzig Jahre damit alt werden. Und wie lange dauert es, bis das Rheuma richtig behandelt wird! Da müssen, bevor der Kranke den Arzt konsultiert, erst die alten Hausmittel her, die ja meistens den Vorteil haben, daß sie wenigstens nicht schaden.

Man erfuhr aber auch in diesen Vorträgen, daß sich die einschlägigen Gelehrten über die Entstehung dieser Krankheit, die schon die Griechen kannten, bis heute noch nicht einig sind. Herd oder nicht Herd — das war hier die Frage. Man hat nämlich die Erfahrung gemacht, daß Rheumakranke nicht gesund wurden, wenn der entzündliche Herd, dem man bisher die Schuld am Rheumatismus zuschob, beseitigt wurde. Vonfünf Kindern, so hat man festgestellt, die an Rheumatismus erkrankten und bei denen man eine Entzündung an den Zahnwurzeln beseitigte, wurde nur eines wieder gesund. Auch rückte ein Professor der modernen Tendenz in der Medizin zu Leibe, alles auf Allergien zurückzuführen (für den behandelnden Arzt oft das Zeichen, resigniert mit den Schultern zu zucken).

Auch die Allergien", sagte jener Professor, der übrigens aus Leipzig kam und geschickt einige hämisch gehässige Bemerkungen gegen das amerikanische Wunderheilmittel "Cortison" in seinen Vortrag einfließen ließ, "auch die Allergien können schließlich nicht eines Tages einfach vom Himmel fallen " Der einfache Zuhörer, der nicht nur auf den Inhalt der wissenschaftlichen Vorträge, sondern auch auf ihre Form achtete, wunderte sich bisweilen. Da war der Professor aus Leipzig, der nicht von "seinen Patienten", sondern von "diesen Leuten" sprach (ein Ausdruck, für dessen Gebrauch noch vor wenigen Jahrzehnten ein junger Assistenzarzt von seinem Chef hinausgeworfen wurde). Mancher empfindliche Zuhörer mag beschlossen haben, den Professor aus Leipzig niemals aufzusuchen auch wenn er an allen Gliedern an Rheumatismus erkranken sollte Gerade als die Sonne unterging, sprach ein Schweizer Arzt aus Lausanne in schönen, einfachen Worten zum Lob der Sonne. Er war Heliotherapcut und berichtete den Zuhörern von den erstaunlichen Heilerfolgen, die man in Schweizer Sanatorien nur durch Sonnenstrahlen bei der Knochentuberkulose erzielt hat. Die Kranken kommen in Gipsverbänden an. Ihre Haut ist wund, aufgerissen. Der Gips wird aufgeschnitten, und sie werden dem Sonnenlicht ausgesetzt. Freilich ganz vorsichtig. Am ersten Tag werden nur die Füße fünf Minuten bestrahlt. Erst am fünften Tag ist die Brust dran, und auch sie zunächst nur fünf Minuten Dieses vorsichtige "sich an die Sonne gewöhnen aber sollten sich auch gesunde Sonnenbadende merken: das stundenlange Rösten ist sehr schädlich: vor allen Dingen sollte man in den ersten Tagen Kopf und Brust der Sonne überhaupt noch nicht aussetzen.

Heilende Kraft bei Knochen, Haut- und Augen Tbc hat die Sonne allerdings nur in der Höhenluft, in der die Feuchtigkeit so weit wie möglich ausgeschaltet ist. Denn sonst fallen die ultravioletten Strahlen aus, die bei der Therapie die anti infektiöse Rolle spielen.

Und dann die Bäderfachleute! Sie hatten die Lärmbekämpfung auf die Tagesordnung gesetzt. Aber allzuoft, wenn sie von Lärm sprachen, meinten sie nur den Straßeniärm, gegen den tatsächlich — wie ein Referent des Bundesverkehrsministeriums mitteilte — ein Gesetz geplant ist. Wie aber ist es mit dem anderen, viel schlimmeren Lärm? Mit den zahlreichen Kofferradios Koffergrammophonen und den Lautsprechern, die sogar von den Kurdirektionen der Bäder angebracht worden sind? Denn auch Musik wird für diejenigen zum Lärm, die sie gerade nicht zu hören wünschen.