Anfang September hat die "Auskunftei W. Schimmelpfeng (vorm. R. G. Dun & Co.) GmbH." ihr 80. Geschäftsjubiläum begangen, verbunden mit der Ehrung des 50. Dienstjubiläums von fünf Mitarbeitern und einer Tagung der 60 Hauptgeschäftsführer in Bad Hersfeld, dem Geburtsort des Gründers der ersten und größten Weltorganisation dieser Art.

Die Wirtschaft beruht auf dem Kreditverkehr – nach den Substanzverlusten und Um-Schlichtungen des Krieges heute mehr denn je. Kredit aber heißt Glaub- und Vertrauenswürdigkeit, denn die juristische Verpflichtung des "Zahlenmüssens" ersetzt nicht die Voraussetzung des "Könnens" und "Wollens" beim Schuldner, auch effektiv seine Pflicht zu tun. Dingliche Sicherungen von Bar- oder Warenkrediten – falls sie anwendbar sind – gewähren keinen ausreichenden Schutz: selbst bei Eintragungen auf Grundbesitz kann sich dieser nachträglich als stark überlastet herausstellen, mit der Folge, daß Handelskredite plötzlich in schwer verwertbarem Waren- oder Grundbesitz "festfrieren" oder die Zwangsversteigerung hohe Verluste ergibt. Skandalöse Konkurse, Statistiken über Wechselproteste und zumal Zahlungseinstellungen "allgemein sicher" geltender Kunden beeindrucken die Öffentlichkeit, geben aber kein wahres Bild über die allgemeine oder gar individuelle Kreditsicherheit, zudem ja auch wirtschaftlich wichtigere Fälle "unter sich" verglichen werden.

Aus der Geschichte von Konkursen und Vergleichen ergibt sich aber immer wieder, daß die Gläubiger ihre Möglichkeiten zur Verhütung von Verlusten nicht ausgenutzt haben. So verkaufte im vorigen Jahr ein Fabrikant in Berlin seinen Betrieb nicht weniger als siebenmal gleichzeitig, unter alleiniger Hinterlassung seiner Schulden. Eine Nachprüfung ergab, daß kein einziger "Käufer" bei einer großen Auskunftei angefragt oder gar eine Spezialauskunft für 50 DM riskiert hatte, wobei schon die Archive zur Vorsicht gewarnt hätten. Eine der kostenlosen Ergänzungen zu früher eingeholten Auskünften kam für einen Lieferanten zufällig eben rechtzeitig, um die Auslieferung wertvoller Waren an einen inzwischen "faul" gewordenen Kunden zu verhindern. Insbesondere zeichnen sich Illiquiditäten oder Konkurse von größeren Unternehmen schon Monate vorher in den Archiven dieser "Seismographen der Wirtschaft" ab. Verfügen sie über eine Weltorganisation, so braucht dem vorsichtigen Kaufmann die Lage von Auslandsmärkten, von Branchen oder von Konjunkturen ebensowenig verborgen zu bleiben wie die Lage seines speziellen Partners im In- oder Ausland. In aller Welt sind die Kreditverluste infolge Betrugs oder Unfähigkeit – bei gleichzeitig zu großer Gutgläubigkeit und Selbstsicherheit – enorm angestiegen, woraus sich die zentrale Stellung der Handelsauskunfteien als Instrumente der Schadensverhütung ergibt. Denn Kreditinformationen sind im Wege der Selbsthilfe von einzelnen nicht erlangbar, und wenn auch Auskünfte von Banken und von Kreditgemeinschaften der Fach- und Berufsverbände oder Referenzen von Geschäftsfreunden wichtige Hilfsmittel sind, so können sie doch nur bruchstückhafte Züge liefern, während erst die Vollständigkeit aus einer Summe von Tatsachen das Porträt bietet. Nur eine spezialisierte Organisation kann die – oft tausendfältigen’– Recherchen durchführen und auswerten. Dabei handelt es sich nicht nur darum, den Kreditgeber präventiv zu schützen, sondern ebensosehr um die Bewahrung des Kreditnehmer vor ungerechter Beurteilung – etwa nur auf seine Vermögenslage hin: Erst aus der Zusammenfassung von "Kapital, Können und Charakter" darf ein Verdikt gefällt werden, das ja die Existenz von Unternehmen und Menschen nachhaltig beeinflußt – wie es andererseits auch befruchtend und säubernd auf den Geschäftsverkehr wirken soll.

Damit ist die Frage nach der Verläßlichkeit des Auskunfteiwesens gestellt, wobei Firmenauskünfte der Handelsauskunfteien scharf von Per.onalauskünften der Detektiv-Institute getrennt werden; müssen. Der mitunter laut werdende Ruf nach Reformen wird vom "Verband der Handelsauskunfteien" nachhaltig unterstützt. Hier weist man jedoch auch auf die Diskrepanz hin, die hier besteht: nämlich zwischen den Anforderungen der Wirtschaft an die Auskunftserteilung einerseits, und ihrem Verhalten, wenn es sich darum handelt, selber an der Sammlung von Informationen "aufgeschlossen" mitzuwirken. Zahlreiche Unternehmen sind dieser Aufforderung gefolgt, indem sie freiwillige und objektive (natürlich streng vertraulich behandelte) Berichte über ihren Status und ihre Vorhaben geben. Freilich haben die Nachkriegsverhältnisse auch das Auskunftswesen vor die Notwendigkeit gestellt, seine Integrität über den Verband ihrer führenden Institutionen wahren zu lassen. Man darf es als Vorteil für die gesamte Wirtschaft ansehen, wenn es den traditionellen "Treuhandfirmen im Kreditverkehr" gelungen ist, ihre kriegszerstörte Organisation jeweils so rasch wiederaufgebaut zu haben und in gewohnter Zuverlässigkeit zu handhaben.

So waren nach dem Kriege von den 99 deutschen und 27 ausländischen Niederlassungen der "Auskunftei Schimmelpfeng" mit ihren 2500 Angestellten keine einzige übriggeblieben. Lediglich ein großer Teil des (auch in diesem Fall vor der Besatzungsmacht) sichergestellten Firmenarchivs und ein kleiner Stamm von Mitarbeitern bildeten die Basis, auf der Dr. Büchner (jetzt Vorsitzender des Arbeitsausschusses) und Karl Krage (Leitender Geschäftsführer) ihren Wiederaufbau stützen konnten. Heute bestehen wieder 108 Niederlassungen und Büros im Bundesgebiet (erstmalig mit 17 Fernschreibern für Sofortauskünfte ausgestattet) mit über 800 Angestellten und einer Auslandsorganisation, die 104 Länder umfaßt. Das Stammkapital wurde 1:1 umgestellt. Anläßlich des Jubiläums konnte dem Unterstützungsfonds 130 000 DM und dem Betrieblichen Vorschlagswesen 10 000 DM zugewiesen werden. Besondere Aufmerksamkeit schenkt man der Nachwuchsschulung, weil es ja für diesen Beruf keine öffentliche Ausbildungsstätte gibt und hier natürlich sehr hohe Anforderungen an menschliche und fachliche Eigenschaften gestellt werden müssen. Durch Schaffung eines vielseitigen Ausbildungsganges ist nun jungen Kaufleuten die Möglichkeit gegeben, mit der raschen Entwicklung des Unternehmens Schritt zu halten.

EOG.