Wie die Natur Formen gebiert, entwickelt, verwirft und neu erschafft – I. Der Roman der Abstammungslehre – Sterbende Riesen

Von Morus

Zoologie handelt von Tieren, Kulturgeschichte von Menschen – daran ist scheinbar nichts zu deuteln. Aber vielleicht genügt diese Unterscheidung nicht, um zu verstehen, wie unsere heutige Welt zu dem geworden ist, was sie ist Morus (Richard Lewinsohn) jedenfalls versuchte es einmal anders herum. Er hat ein Buch geschrieben, "Eine Geschichte der Tiere", das demnächst im Rowohlt Verlag, Hamburg, erscheinen wird. Darin zeigt er, wie groß der Einfluß der Tiere auf Zivilisation und Kultur des Menschen war. Vorher noch beschreibt er aber, wie es der Geschichte der Tiere, dieser Hunderte von Millionen Jahre umfassenden, menschenlosen Geschichte, in den Köpfen der Menschen ergangen ist, als diese versuchten, eine zeitliche Ordnung in das Tierreich zu bringen. Das ergibt wiederum eine Geschichte voller Abenteuer und Zwischenfälle und Morus Buch ist in diesen Partien ein richtiger Roman der Abstammungslehre, ~~~~ ~~~ C. W. Cerams berühmtem "Roman der Archäologie". Wir drucken dar aus eine ~~~ von Episoden ab und beginnen mit der Erzählung, wie durch einen Zufallsfund die ~~~rstrebenden Gelehrten sich überzeugen mußten, daß Reptilien die Vorfahren der Vogel sind. Copyright Rowohlt-Verlag, Hamburg

Die Kunst des Fliegens

Es gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten der Naturkundefibeln, daß die Vögel von den Reptilien abstammen. Aber es war eine große Sensation, als 1861, zwei Jahre nach dem Erscheinen des Darwinschen Hauptwerkes, Hermann von Meyer und A. Wagner der wissenschaftlichen Welt den Archaeopteryx vorstellten, das Fossil eines Vogels, der noch deutlich die Kennzeichen eines Reptils hatte.

Der Fund war in einem Steinbruch bei Solnhofen, im Fränkischen, gemacht worden. Der Kalkschiefer, den man da gewann, war durch die Erfindung der Lithographie zu hohem Ruhm und Ertrag gelangt, aber er hatte noch eine andere vorzügliche Eigenschaft: er enthielt Fossilien. Die Pflanzen- und Tierreste der Vorwelt waren von dem Stein wie in einem Herbarium zusammengepreßt. Die Arbeiter wußten das und gaben darauf acht, denn es gab immer Liebhaber, die für solche Versteinerungen etwas zahlten. Aber diesmal hatte man etwas besonders Merkwürdiges entdeckt: zunächst den Abdruck einer Feder. Das war an sich schon ein sehr bedeutsamer Fund, denn nach der herrschenden Meinung der Geologen und Zoologen gab es Vögel erst seit dem Tertiär. Das Juragestein, in dem sich die Vogelfeder verewigt hatte, war aber viel älter.

Doch ehe sich die Gelehrten noch über die Feder den Kopf zerbrechen und miteinander in Konflikt geraten konnten, wurde am 15. August 1861 in dem gleichen Steinbruch der Abdruck eines ganzen Vogels mit Knochen und Krallen und Federn entdeckt. Die Gliedmaßen waren durch den Druck des Steines auseinandergerissen, aber das Ganze war doch noch sehr gut erkennbar. Das Tier muß ungefähr die Größe eines kleinen Huhns gehabt haben. Der Zoologe Wagner, dem man den Fund vorlegte, ließ sich durch die Fülle langer und breiter Federn nicht vom Wesentlichen ablenken; er erkannte, daß das Tier, trotz seiner Befiederung einen aus zwanzig Wirbeln zusammengesetzten Schwanz hatte, der so lang war, wie sein ganzer Körper, in der Form sehr ähnlich dem Schwanz der Eidechse, und an den Flügeln freie Krallen.