Berlin, Ende September

Um den bisher attraktivsten musikalischen Beitrag der Festwochen, um George Gershwins viel berufene Negervolksoper "Porgy and Best", gab es lauten Jubel. Denn so vital und präzis, so ekstatisch-urwüchsig bei aller Exaktheit, kann nur dieses mokkafarbene Starensemble die etwas sentimentale Story von dem Krüppel und der Dirne darstellen. Atembeklemmend wird hier der ganze Negeralltag von Süd-Carolina lebendig: mit Fischfang, Würfelspiel und Picknick-Parties, mit Hurrikanpanik und religiöser Verzückung, mit Totengesängen und Wiegenliedern, mit Mord und Brunst, mit Klatsch und Liebe. Von Robert Breen bestürzend lebensecht inszeniert, trifft das laute, turbulente, grelle Bühnengeschehen um Porgys schicksalhafte Liebe zu der wankelmütigen Bess akkurat den Nerv von Gershwins Musik, den auch Alexander Smallens am Pult bloßlegt. Aus ihrer singspielartigen Mischung klingen schwelgerische Puccinismen und die magische Schwermut von Negervolksliedern auf, neben der symphonischen Szene steht prickelnd das Chanson. Und immer wieder veristische Effekte dazwischen, die dem von Leidenschaft erfüllten Alltag dieser Menschen, ihrem heißblütigen Leben an den Fersen bleiben. Beneidenswert reich an Typen und Individualitäten noch die kleinsten Rollen.

Sah man auf der Szene der stürmisch gefeierten amerikanischen Gäste das betörend-vielgestaltige Leben selber, so führte Wolfgang Fortner das Publikum in die kühle Welt des Abstrakten. Vor seiner Pantomime "Die Witwe von Ephesus" wird Lessings Fragment "Die Matrone von Ephesus" gezeigt, jene amüsanten Szenen, in denen die untröstliche Witwe noch in der Grabkammer sich dem "neuen Gott" hingibt. Eine "Ariadne"-Variante, die Apotheose des Lebens, der Verwandlung, läge also nahe für einen Musiker, der diesen Stoff Aufgreift. Fortner aber, gebunden an ein "Libretto" Grethe Weils, negiert diesen romantischen Weg und interpretiert mit einem Sprecher nach Strawinsky-Vorbildern die Fabel als "antike Moritat für Pantomimen" mit Sartrescher Freude am Widerlich-Makabren. Auf der Szene also herrscht Überdeutlichkeit, obwohl die Regie von Walter Jockesch den grell weiß geschminkten Gesichtern und den eckig, marionettenhaft bewegten Körpern kaum noch Menschliches läßt. In der Musik dagegen manifestiert sich nach Fortners Worten eine Kunst des Weglassens, der UnaufdringUchkeit. Hier wurde "ausgespart" und mit so feinem Strich gezeichnet, daß man durch diese Musik gleichsam wie durch eine gläserne Kugel hindurchblicken kann. Vielleicht könnte man das Artifizielle der Partitur, die Mathieu Lange mit einem Kammerorchester zum Klingen bringt, bewundern. wenn es nicht so spürbar diese gläserne Leere zu verdecken bestimmt wäre. Das Publikum applaudierte respektvoll der Aufführung der wie immer experimentierfreudigen "Tribüne" und hielt sich an Lessings Fassung schadlos.

Aussicht auf Erfolg hätte die andere Uraufführung dieser Woche, "Engel-Etude" genannt, wenn sich die Autoren Heinz von Cramer, der Librettist und Regisseur, und Theo Goldberg, der Komponist, entschließen könnten, ihre "pädagogische Komödie für Musik" zu komprimieren auf einen Kabarett-Sketch von zehn Minuten Dauer. Denn was hier, unter der nicht eben bescheidenen Berufung auf Vittorio de Sica, zusammengebraut ist, könnte in einer solchen Kurzfassung vielleicht zu akzeptieren sein. Wie es sich jetzt präsentiert, krampfhaft witzig in seinen geistreichen Saloppheiten, landet es geradeswegs in mehrdimensionalem Dilettantismus. Und zog doch aus mit dem Musiklehrer Engelbert, um an? dem Dach den Engel dieses "kleinen Mannes mit verbeultem Hut" zu suchen und zu finden. Symbolträchtig reimt besagter Engel "Sterne" auf "Kirschenkerne" und "lügen" auf "Insel Rügen", hilft aber doch, im Bedarfsfalle vom Schnürboden niederschwebend, dem selig verstörten Engelbert aus der Patsche, wenn der sich bei seiner Frau, seinem Direktor und bei der Polizei mehr und mehr in Widersprüche verwickelt – eben wegen seiner luftigen Exkursionen zu dem Engel auf dem Dach. Hier, "zwischen Himmel und Erde", wo ein trainierender Seiltänzer zwischen Pirouetten noch schnell einige gedankenschwere Plattheiten von sich gibt, endet das Spiel: alles trifft sich neben dem Schornstein, im weißen Flügelgewand schwebt der Engel darüber, Kinderlaternen erhellen friedlich den Dachprospekt. Tableau.

Diese gewagte Geschichte hat Heinz v. Cramer ersonnen und würzt sie als Eklektizist up to date mit mancherlei derzeit gefragten Highbrow-Requisiten. Was aber daraus entsteht, ist die verlogene Mischung von Infantilismus und Snobismus. Schade, daß den Autoren, wie sie selbstgefällig erklärten, bei diesem "Werk" niemand dreingeredet hat. Vielleicht hätte Cramer sich dann in strengste Zucht genommen und ein exquisites Libretto geschrieben, wie man es von seiner keineswegs alltäglichen Begabung wohl erhoffen kann. Goldbergs Musik für ein fünfköpfiges Ensemble mit Klavier geschrieben, umspielt in "sanfter Ironie" Bekanntes und hält sich, wie Goldberg es ausdrückt, an unbedenkliche Tonalität, ehe diese an der fast irrationalen Figur des Seiltänzers zerbricht. Klarheit des Klangbildes und einiger Witz wären als Gewinn zu verbuchen, wenn nicht wegen des Textes die Einfälle allzu breit, ausgewalzt werden müßten. Auch hier rettete sich das düpierte Publikum in lauten Schlußbeifall – immerhin hatte es den aparten Rundfunkstar Rita Paul als Engel mit Flügeln gesehen. Rudolf Bauer