Zur Mitbestimmung sagt Schiller, man steuere hier zwischen der Scylla eines Neo-Syndikalismus, der den Betriebsegoismus begünstigen od;r stabilisieren würde, und der Charybdis einer pluralistischen Wirtschaftspolitik hindurch. Gerade vom freiheitlich-sozialistischen Standpunkt aus müßte man auf diese Schranken, die beiderseits des berechtigten Weges der Mitbestimmung liegen, hinweisen. Hier hat der Logiker gesprochen, der sich damit wohl bei seiner Parteizentrale nicht allzu beliebt machen kann. Denn deren Taktik ist es ja gerade, die Einheitsgewerkschaft, indem man 50:50 Mitbestimmung verspricht, zu sich herüberzuziehen. Das heißt, daß sich hier (später einmal) ein Konflikt zwischen sozialistischer Wirtschaftspolitik und Gewerkschaftspolitik ergeben könnte...

Dies also ist Schillers Synthese. Er will keine totalitärsozialistischen Doktrinen einerseits – keine ständischen und syndikalistischen Ideologien andererseits. Der linke Flügel des Neoliberalismus und der rechte Flügel des Sozialismus sind nicht allzu weit voneinander entfernt. Die Trennungsstellen aber sind – nach Schiller – klar: Die Idee des Neoliberalismus, die staatliche Wirtschafspolitik so zu setzen, daß der Staat nur noch Marktpolizei zu sein braucht, sei zwar richtig. Aber aus dem ganzen Herkommen des Neoliberalismus bestehe die Gefahr, daß die Wirtschaftsordnung nicht prinzipientreu gesetzt werde, folglich die Aufgabe, Marktpolizei zu sein, nicht wahrgenommen werden könne. Der freiheitlich; Sozialismus dagegen fühle sich stark genug und scheue sich nicht, in den Marktablauf einzugreifen.

Schillers Worte wollen eine Antwort auf die Frage sein, wie Sozialisten praktisch die Wirtschaftspolitik gestalten wollen. Es wird von einer Praxis gesprochen, die noch nicht erprobt wurde – in Deutschland; in anderen Ländern ist sie gescheitert. Damit ist wohl die Frage berechtigt: Wie wird diese "theoretische Praxis" in die "praktische Praxis" umgesetzt? Entscheidend wird sein, wie immer in der Wirtschaftspolitik, wie der Sozialdemokrat, wenn er regiert, wert". Wie hoch also wird in der Praxis der jetzige oppositionelle Schiller, wie hoch wird seine Partei einmal, sollte sie verantwortlich handeln müssen, veranschlagen, was jeweils wichtiger ist: Produktion oder Verteilung, Vollbeschäftigung oder Volkswohlstand? Das offizielle Aktionsprogramm will die Produktion hochziehen und gerecht verteilen, will Vollbeschäftigung und Volkswohlstand. Schiller ist in diesen Dingen vernünftiger. Aber werden sich seine Ideen durchsetzen? Er ist junger Sozialist und gehört noch nicht zur ersten Garde. Eine theoretische Kritik an seinen Ausführungen muß sich erübrigen. Der Theoretiker Schiller gibt sich keine Blöße – mit einer Einschränkung: Er springt sehr schnell aus der Theorie in die Politik. Damit kann man manches "zudecken". So beispielsweise seine Gegenüberstellung: Neoliberaler Wirtschaftspolitik läßt sich Sozialpolitik nur "anheften", sozialistische Wirtschaftspolitik aber will und kann Soziales und Wirtschaftliches vereinen. Hier liegt des Pudels Kern. Eine gute "reine" Wirtschaftspolitik ist, wie wir es sehen, in hohem Grade gleichzeitig Sozialpolitik, weil sie – in hohem Grade – die soziale Frage überflüssig macht, was ihr, dies sei zugestanden, nur dort gelingt, wo Arbeitswille und Arbeitsfähigkeit vorhanden ist. Wo Wille und Fähigkeit fehlt – da ist (aus der Wirtschaftskraft via Steuern) "anzuheften". Sozialistische Wirtschaftspolitik muß dagegen ihre Sozialität erst beweisen. Diese Übergänge von Theorie zu Politik, dieses "Wertbegriffe einführen" hätte Schiller ruhig aussprechen sollen, ja hätte es aussprechen müssen. Der Organisator und Politiker Schiller war, abgesehen von dem begrenzten Feld seiner regionalen Aufgabe, noch nicht am Zuge. Zu denken gibt, mit welchem Planapparat "auf Vorrat" sich ein Sozialistischer Wirtschaftsminister im vorhinein umgeben will. Hat er die Köpfe dafür? Verdiente Trommler passen jedenfalls nicht in einen solch diffizilen Apparat. Dieser hat nämlich die Tendenz, sich selbständig zu machen, für sich selber da zu sein... und dies ganz besonders dann, wenn er von Leuten bedient wird, die aus der "Organisation" kommen. W-n