Die Sowjetzone besucht die Deutsche Industrie-Ausstellung

Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, im September

Hundertzweitausend waren es am Abend des zweiten Tages, und 65 000 von ihnen waren von "drüben" gekommen, aus Pankow und Weißensee, aber auch aus Leipzig und Halle, um wenigstens schauend Anteil an dem zu haben, was am Berliner Funkturm in elf großen Hallen als "Lebensstandard der freien Welt" zu sehen ist. Was die 3. Deutsche Industrie-Ausstellung von Berlin, die jetzt während vierzehn Tagen gezeigt wird, von allen Messen anderen Orts, von Hannover, Frankfurt und Köln – und schon gar von Leipzig, unterscheidet, ist die bewußte Absicht, darzustellen, was ist – und nicht, was sich als Neuheit von morgen oder als Wunschtraum von übermorgen anbietet: ein Bild des Lebens in der zivilisierten Welt des Westens. Das ist in Berlin gelungen.

Vielleicht haben die Amerikaner in ihrem ganz aus Glas bestehenden Marshall-Haus diese Gemeinsamkeit der westlichen Lebensform am glücklichsten dargestellt: in einem Haus nämlich, zu dem alle europäischen Länder und die USA Einrichtung und Hausrat, Komfort und Geschmack beigetragen haben, Die vielen Tausende, die sich auf den Galerien drängen, von denen man in das Innere des Hauses hineinsehen kann, finden hier glücklich vereint, was freilich auch in Westeuropa sich nicht jeder leisten kann. Auch die Hallen, in denen die deutsche Produktion gezeigt wird, sprechen diesmal feine besondere Sprache. Nicht wie in den beiden Jahren zuvor soll der Mann aus dem Osten, die kalte, freilich imponierende Form der Maschinen und der Investitionsgüter betrachten, sondern sehen, daß die Periode des Investierens, des ersten mächtigen Aufbaus, nahezu vollendet ist. Das, was ihn selber angeht, das unmittelbare Leben, der Hausstand, das Heim, das ist aus tausend sich aneinanderreihenden Bildern zusammengefügt.

So stehen die ärmlich gekleideten Menschen der "Zone" vor den vielen Schaufenstern, in denen blitzende Geräte, kleine und kleinste Maschinchen, mit dem die Elektrizität sich in Haushalt, Büro und Werkstatt als Helfer des Menschen bewährt, gezeigt werden. Sie sehen den Rausch von Licht und Strom, wie er sich durch Geräte und Instrumente ergießt, und sie denken daran, daß bei ihnen in der "Zone" täglich in der Morgenfrühe und am Abend die Stromsperren sie mit Dunkelheit schlagen. Wenn sie vor den Hunderten von Schuhmodellen, die in langen Standreihen um den Käufer mit individuellem Geschmack werben, stehen, mögen sie wohl an die Zusicherung des östlichen Fünfjahresplanes denken, der ihnen für das Jahr 1955 ein paar Lederschuhe verspricht.

Die Berliner Wirtschaft, die sich so freudig und so umfangreich an dieser Ausstellung beteiligte, hat zwar, etwa in den elektrotechnischen Zweigen, schon eine hohe Beschäftigungsstufe erreicht, doch hat sie auf anderen sehr wichtigen Gebieten noch erhebliche freie Kapazitäten. Das graphische Gewerbe zum Beispiel ist zu 45 v. H. nicht beschäftigt, und Feinmechanik und Optik, holz- und papierverarbeitendes Gewerbe haben gleichfalls noch 40 v. H. ihrer Kapazitäten frei. Der Präsident des Bundesverbandes der Industrie, Berg, hat die Berliner Wirtschaft in dieser Beziehung auf das Anlaufen der westdeutschen Rüstungsproduktion vertröstet. Dies werde, so meinte er, den Berlinern mehr Verbrauchsgüter zur Produktion geben als bisher.

Das hat freilich noch Weile. Deshalb wird in den Gesprächen, die im Hintergrund der festlichen Hallen über die Situation der Berliner Wirtschaft geführt werden, viel über die Notwendigkeit eines engeren Kontaktes zwischen der Bundes- und der Berliner Wirtschaft verhandelt. Von den immer wieder bedrohten Verkehrswegen zwischen Berlin und der Bundesrepublik ist die Rede, von der noch immer bestimmenden Angst der westdeutschen Auftraggeber, in Westberlin zu bestellen, von der mangelnden Sicherung des Interzonenabkommens durch eine klare Verkehrssicherung und von der Hoffnung, der wirtschaftlichen Bedrängnis Berlins durch politische Lösungen radikal Herr zu werden.