Von Walther F. Kleffel

Das Thema "Olympische Spiele" bewegt die Gemüter noch immer. In allen Ländern zieht man die Bilanz von Helsinki und schmiedet bereits Pläne für Melbourne, das in vier Jahren die Jugend der Welt zu friedlichem Wettstreit in seinen Mauern vereinen soll. Dazu gehört natürlich eine gehörige Portion Optimismus. Denn wer von uns kann in diesen unruhigen Zeiten auch nur ein Programm für das nächste Jahr aufstellen? Es mehren sich auch die Stimmen, die eine erhebliche Kürzung des olympischen Programms wünschen; andere schlagen eine bessere Mischung der einzelnen Wettbewerbe vor, damit die Kämpfe der letzten Tage nicht wiederum so stark gegen die einleitenden Wettbewerbe der Leichtathletik abfallen. Wieder andere vertreten schließlich noch mit Nachdruck die Meinung, die Spiele müßten in Zukunft allen Sportlern, Amateuren wie Profis, geöffnet sein. So viele Kritiken, so viele Meinungen – doch in einem sind sie sich alle einig, daß das olympische Erlebnis uns erhalten bleiben muß. Man streitet sich nur um Form und Inhalt.

Eine Ausnahme bildet allerdings der französische Publizist Henri-François Rey. Er will von dem ganzen "Rummel" nichts mehr wissen und hat unter dem Losungswort "Zerreißt die fünf Ringe" der Coubertinschen Schöpfung den Kampf angesagt. In der Pariser Zeitschrift "Les Arts" zieht er gegen den "Mythus des Sports", der seit Jahrhunderten den "Muskelmenschen" und die rohe Gesinnung verherrlichte, zu Felde. "Seit der Sport zur ständigen Schaustellung geworden ist"‚ schreibt der temperamentvolle Franzose, "die in allen fünf Erdteilen die brutalen Instinkte der Massen aufpeitscht, sieht sich der Intellektuelle verachtet, verspottet und beleidigt. Ich klage sie alle an, die von den Olympischen Spielen und die von der Tour de France, weil sie täglich die ewigen Werte mit Füßen treten, die den Menschen nicht zum Schwein oder zum Wildesel herabwürdigen, sondern ihn erst zu einem Wesen machen, das denkt, liebt und das glücklich sein will."

Das sind recht harte Worte, und der selige Coubertin würde sich bestimmt wundern, könnte er sie noch vornehmen. Er hielt so viel von der Teilnahme der Muskeln an dem Werk der sittlichen Ausbildung und muß sich nun sagen lassen, daß der ganze Sport nur eine "Verschwörung der Mittelmäßigen" ist und daß (nach Rey) "eine Gesellchaft, die sich selbst und das wahre Menschentum achtete, alle Stadien zerstören, die Schwimmbäder zuschütten und feierlich die Rennbahnen und andere Kampfstätten niederbrennen müsse".

Natürlich schießt Monsieur Rey über das Ziel hinaus. Aber niemand wird abstreiten können, daß der Sport wirklich vielerorts die brutalen Instinkte der Massen aufpeitscht und den geistigen Menschen (und nicht nur diesen allein) beleidigt. Aber Rey macht dem Sport zum Vorwurf, was leider Zeichen der Zeit ganz allgemein ist und bedauerliche Begleiterscheinung unseres ganzen öffentlichen Lebens. Im Gegensatz zu des kampflustigen Romanen Meinung könnte der Sport aufbauend wirken, wenn man endlich zur Besinnung kommen und ihn in seine vernünftigen Grenzen zurückführen würde. Der außerordentliche Mangel an volkserzieherischem Sinn, den man immer wieder feststellen muß, ist das hervorstechende betiübliche Merkmal des heutigen Sports. Sport sollten wir vor allem und zunächst aus gesundheitlichen Gründen treiben; Wettkampf, Preise und Meisterschaften kommen erst in zweiter Linie, und auch hierbei sollte man niemals die alte Lebensweisheit vergessen, daß in der Beschränkung sich der Meister zeigt.