Zwei Monate sind inzwischen vergangen, seit General Mohamed Nagib am 23. Juli seinen Staatsstreich durchführte, der den Beginn einer umwälzenden Revolution einleitete. Noch ist es zu früh, um sich ein Urteil darüber zu bilden, wohin die Reise geht, aber es zeichnen sich immerhin schon gewisse Tendenzen ab. Zunächst steht fest, daß die neuen Männer, die mit Tatkraft und dem Willen zur Sauberkeit ans Werk gingen, im In- und Ausland mehr Kredit und Vertrauen genießen, als dies bei einem Umsturz im allgemeinen der Fall ist. Das gilt auch, nachdem Ali Maher, der als verantwortungsbewußter und erfahrener Politiker bemüht war, überstürzte Maßnahmen zu verhindern, ausgeschieden ist, und das neue Kabinett einen definitiv radikaleren Charakter angenommen hat.

Es war zweifellos sehr geschickt, daß Nagib zunächst erklärte, die Parteien nicht auflösen zu wollen. Auf diese Weise hat er den einzigen potentiellen, mächtigen Gegner, den Wafd, soweit in Sicherheit gewiegt, daß dieser bereits begann, sich gegen die Säuberung seiner Reihen durch Armeekommissionen aufzulehnen. Die hierüber verärgerte Volksstimmung ausnutzend, die ohnehin in dem parlamentarischen Parteiensystem einen Krebsschaden sah, hat er dann sehr plötzlich zugeschlagen, die Parteien zur Auflösung genötigt und die belasteten Führer des Wafd verhaftet. Neuwahlen – offenbar mit den Ziel ein Zweiparteien-System zu errichten – sind nun für den Februar zugesagt. Ob sie wirklich zu diesem Zeitpunkt stattfinden, steht natürlich noch dahin, aber bereits heute erhebt sich die Frage, die bei der Liquidation jeder Militärdiktatur entsteht: Wer wird die bisherige Politik des Diktators in einem demokratisch gewählten Parlament stützen?

Wenn man im Hinblick auf diese Frage versucht, die Situation vor dem Militärputsch zu analysieren, so wird man wahrscheinlich feststellen müssen, daß die entscheidenden Elemente des Volkes, nämlich die Intellektuellen in Gestalt der Studenten und zahlreicher mittlerer Beamter sowie die Masse des Volkes mit der Moslem Brotherhood sympathisieren, ja, teilweise bereits in dieser bis vor anderthalb Jahren verbotenen religiös, sozial-reformerischen Bewegung (die einen ausgesprochen terroristischen Zweig unterhält) organisiert war. In jedem großen Dorf gibt es einen Klub der Moslem Brotherhood die ein dichtes Netz über das ganze Land gespannt hat. Wenn man sich damals, vor dem Umsturz, mit den verschiedenen Exponenten dieser Bewegung unterhielt, gewann man den Eindruck, daß die Organisation als solche steht und sehnsüchtig auf Aktivität wartet, daß aber der Führer Hodeibi Bey, ein kleinbürgerlicher Anwalt, wohl nicht der Kopf ist, eine solche Bewegung zum Erfolg zu führen.

Wie nun, wenn Nagib, dessen rechte Hand Anwar Sadat, Mitglied dieser Vereinigung ist, der sein Arbeitszimmer mit den Koransprüchen der Bruderschaft schmückt und einen ihrer Exponenten in sein Kabinett genommen hat (zum ersten Male ist jetzt bei Promotionen der Militärakademie der Koran und die Bibel verteilt worden), in aller Stille mit der Moslem Brotherhood zusammenarbeitete? Und in dem Maße, in dem es notwendig wird, die militärische Macht durch den Willen der Majorität des Volkes zu ersetzen, zu einem Gefangenen dieser Bewegung würde? Dann hätte Hodeibi Bey recht behalten, der vor einigen Monaten auf meine an ihn gerichtete Frage: Gibt es eine Partei, die sich Ihre Grundsätze zu eigen macht und sie durchzuführen bereit ist?, mit verschmitztem Lächeln antwortete: Noch nicht, aber es wird sie bald geben. Wobei zu sagen ist, daß es mir nicht möglich wäre, sein höchst vages Programm wiederzugeben, aus dem deutlich nur hervorging, daß er gegen die Monarchie war, im übrigen aber sich sozial-reformerische Ideen mit pietistisch-reaktionären Elementen und höchst naiven wirtschaftlichen Vorstellungen mischten. Um sich, gegen den oft erhobenen Vorwurf, seine Bewegung sei reaktionär im Sinne einer überholten islamischen Tradition, zu verwehren, ist Hodeibi Bey übrigens einer der ersten, der Nagibs Aufforderung, die Kleidung zu europäisieren, nachgekommen ist. Er hat den orientalischen Fez abgelegt und einen Hut aufgesetzt!

Einstweilen ist es sicherlich so, daß Nagib sich in Übereinstimmung mit der Mehrzahl der Ägypter befindet. Sein unbestechlicher Kampf gegen Korruption entspricht einem echten Verlangen des Volkes: die belasteten Wafd-Führer und einige hohe Würdenträger der früheren Regierung und des Hofes sind eingesperrt, desgleichen etwa 250 Offiziere hoher und mittlerer Dienstgrade, die in Waffenschiebungen verwickelt waren, gleichzeitig wurden die Rädelsführer von Arbeiterunruhen aufgehängt. Niemand darf mehr mit dem Titel Pascha oder Bey angeredet werden, die luxuriösen Autos der Minister und Abgeordneten sind verschwunden und es wird ohne Rücksicht auf Dienststunden schwer gearbeitet.

Ebenso populär ist seine Bodenreform, von der über 2000 Großgrundbesitzer betroffen wurden, die etwa 300 000 ha abgeben müssen; aber natürlich ist es schwieriger, auf die Dauer diese rein wirtschaftlichen Fragen zur Zufriedenheit der Allgemeinheit zu lösen und ganz gewiß wird sich in diesem Felde jeder Fehler sehr viel spürbarer rächen als im politischen. Schließlich basiert ja die gesamte ägyptische Wirtschaft und der ganze Export auf der Landwirtschaft. Überstürzte Maßnahmen auf diesem Gebiet, die zum Teil eine Dezentralisierung der lokalen Bewässerungsmethoden erfordern, können daher unübersehbare Folgen haben. Man muß überdies mit einem starken Stimmungsrückschlag bei den Bauern rechnen, wenn sich herausstellt, daß nur etwa 200 000 Bauern das vorgesehene Minimum von 1 1/2 ha bekommen und Hunderttausende leer ausgehen. Schon heute scheint mancherwärts ein willkürlicher Krieg um Landparzellen ausgebrochen zu sein und viele Pächter zählen die Pacht nicht mehr, so daß Nagib sich genötigt sah, mit aller Strenge zu verkünden: "Reform bedeutet nicht Chaos."

Ägypten war reif zur Revolution. Man hat noch bei keinem Staatsstreich im voraus gewußt, wo die Entwicklung enden wird – aber daß sie von integren, offenbar selbstlosen Männern begonnen wurde, ist mehr, als mancher zu hoffen wagte. Marion Gräfin Dönhoff