Das Haus war ganz frisch. Draußen leuchteten rot weiße Markisen, und im Innern waren noch die Fußabdrücke zu erkennen, die im erstarrten Zement eingefroren waren. Besonders der winzige Hufeisenstempel eines Hackens und der schmale Aufsatz der Sohle davor, der einer zierlichen Frau gehören mußte, fielen auf verräterische Spuren der Ungeduld, die die ersten Mieter hinterlassen hatten. Die Handwerker hatten sich nicht bemüht, sie wieder abzuschleifen, der Architekt hatte sie wohl gar nicht entdeckt Überall bemerkte m an die Roheit des Stils, die heute modern ist Über die Betonstufen legte sieh kein Läufer. Das Geländer bestand aus drei parallelen und schräg aufsteigenden Eisendrähten. In der Decke ließ sich die Maserung der Kiefernbretter erkennen, die sie einst in der Verschalung hielten, und außen war auch das Gitternetz der Betonstäbe von der Erde bis zum siebenten Stockwerk mit Absicht roh gehalten, um dieses mathematische Muster wie ein ästhetisches Spiel vorzuführen.

Vor jedem HauSj das gebaut wird oder auch nur gebaut werden soll, ist die unsichtbare "Warteschlange der Suchenden versammelt "Wohnung ist die letzte Mangelware unserer gesättigten Zeit. München — um mir dieses Beispiel zu nennen — hat seit dem Kriege Wohnungen für 120 000 Menschen gebaut, also eine frische Großstadt, die sich in das alte Weichbild hineinsetzt. Vor vielen Toren unserer westdeutschen Städte wartet eine ungeborene Großstadt, um als neues steinernes Gefüge in das alte einzuziehen. Die Menschen sitzen indessen ihre "Wartezeit ab in Bunkern, Baracken und in der Hölle der möblierten Zimmer. Die neue Architektur, die sich am Straßenrand erhebt, steht in einem sehr ungleichen Wettbewerb mit den Lastern des Notbaus, der verschleppten Improvisation und des Höhlenbaus aus dem Kriege.

Unser neues Haus war mit winzigen Baikonen im Fünfeckmuster ausgerüstet, für vierundachtzig Parteien, die eigentlich ledige Herren sein sollten oder Damen ähnlichen Charakters. Es war ein Apartmenthaus, für die Bewohner nur nach teurem Zuschuß zu erlangen. Zwei Drittel der Mieter waren Einzelpersonen bürgerlicher Herkunft. Eine Reihe von Doktortiteln stand auf dem Schaltbrett der Postfächer, die im Eingangsffur in vier Reihen übereinander eingelassen waren. Die Zimmer am Laubengang der Etagen waren ebenso aufgereiht — wie Hühner auf der Stange. Es war die Monotonie des individuellen Lebens, das schneller als gewollt in die Nummernreihe des Kollektivismus eingegangen war. Der Rest waren Paare, Ehepaare oder andere, und einmal gab es ein Kind, das einzige Kind im Haus. Jeder lebte auf einer Grundfläche von fünfzehn Quadratmetern, die unseren Großvätern nicht genügt hätte, um ein Bettuch auszubreiten, und zählte man die Eintrittsnische hinzu, jene winzige Drehbühne, die rechts zu einem Baderaum und links in die Kochnische abzweigte, so waren es insgesamt zweiundzwanzig Quadratmeter Fläche zum Leben.

Ein eingebauter Schreibtisch war mitgeliefert worden in der Nierenform, die ein bestimmtes Kunstgewerbe pflegt, der Aufzug durchschnitt wie eine aufgerichtete gläserne Schlange das Haus von unten bis oben, draußen flutete der Verkehr, nicht weit entfernt fand sich wieder ein anderes Apartmenthaus, umgeben von langen Hausgruppen, die noch halb in der stumpfen Lava des grauen Steins in der Erdgrube ruhten. Andere waren schon fertig und leuchteten weiß wie Dampfer, die sich von ihrem Ankerplatz auf die Reise begeben. Selbst die Architektur hat die Flüchtigkeit des modernen Lebens in ihren Stil übernommen. Es gibt Apartmenthäuser und andere Wohnblöcke neben- und durcheinander in jeder deutschen Stadt. Dies zeigt an, daß die Lebenszelle unserer Gesellschaft nicht einfach die Normalfamilie ist, sondern sich nach unten und oben differenziert. Sie schrumpft bis zur Monade ein und erweitert sich über angehängte Schwäger und Großeltern zu einem neuen Zwangs Patriarchat. Am liebsten zeigen die Bauämter überall ein Musterhaus für berufstätige Frauen, das sie mit Delikatesse ausgerüstet haben. Der Kunstwille drängt gern auf das Ausgefallene und das Besondere hin. Aber wie sieht es nun mit der deutschen Normalwohnung nach diesem Kriege aus? Dem Stil nach könnte man denken, Corbusier sei heute da. Diese weißen Wohnschiffe quer zur Straße ankernd oder im Fischgrätenstil und in einem schrägen Winkel an ihr aufgestellt unter dem Vorwand, ihre Seiten der Sonne wie ein ausgespanntes Segel darzubieten, Stockwerke, die niedriger geworden sind, Fenster, die größer werden, schräge Dachfirste, aber auch Flachdächer, die schon häufiger sind, oder ein zurückgesetztes letztes Obergeschoß, wie der Absatz einer stumpfen und noch nicht fertig gebauten Pyramide. Dieses Motiv ist den Großbanken entnommen, die ihren gewaltigen Kubus im letzten Stockwerk plötzlich schmälern und die Masse durch Verkürzung verzieren. Die Punkthäuser, die in Schweden auf dem Felsgrund der Schäreninseln und Stockholms vorzüglich in die Höhe wachsen, sind auch in der Schweiz Mode geworden, während der Felsgrund bei uns durch eine Betonplatte ersetzt werden müßte, wollte man auf dem engen Karree sechzehn Geschosse in die Höhe treiben. Die unseren enden jedoch schon beim fünften, obwohl der finanzielle Ertrag und die Inselfreude der Bewohner sich erst bei größeren Höhen einstellt.

Die geringere Zimmerhöhe gehört in den Armutsstil der Gegenwart, der schon nach dem ersten Weltkrieg beginnt, die größeren Fenster gehören zum Segen der Technik, der einiges ausrige Formen anständig auszuführen, und wir zum Beispiel haben bei aller Ideenfülle und dem ganzen Ursprungsrecht nicht immer das Geld. Die Zentralheizung ist im sozialen Wohnungsbau verboten. Als Hebebrandt am Rande Frankfurts eine schon aufgeschlossene Baugruppe, die in der Krise der dreißiger Jahre steckenblieb, jetzt fertig baute, lagen die Rohre und Kesselanlagen von damals noch da, und er hätte die Leitungen nur in die Höhe ziehen müssen. Er mußte aber Kachelöfen setzen. Vielleicht ist der archaische Einzelofen richtig und vielleicht wird selten ein Mieter nach allem, was er erlebt hat und fürchtet, gegen ihn protestieren. Daß unser Wohnungsstil gleichsam versehentlich ein Armutsstil ist, zeigt der Verputz, das zeigen die Fenster, das zeigeri die Dielen, das zeigen die Fugen der Türen, das zeigt das ganze Orchester der Geräusche vom klopfenden Gong des Radios an der Nachbarwand bis zum unterdrückten Gurgeln der Röhren, bis zu den inneren Luftkanälen, die wie eine unfreiwillige Telephonleitung alle Bewohner miteinander verbinden —, wenn es nicht schon der Grundriß offenbart.

Man muß eben reich sein, um auf anständige Weise stilvoll aufzutreten. Diese These beweisen uns die Schweizer und Schweden immer von neuem. Wir führen das auch vor, aber nicht im Wohnhaus mit drei Parteien an der Treppenschleife jeder Etage, sondern an der Großbank. Da sitzen die Stahlfenster. Da strebt der Beton mit Festigkeit und doch Eleganz zur Höhe empor und lagert seine Masten breit im höchsten Stockwerk aus. Da werden die Profile der kühnen Stützen betont und mit Anmut verkleidet, und sonst gibt es reiches Plattenwerfc, Travertin, taubengrau geschliffenen Muschelkalk, um die Rohform zu verhüllen. Es gibt Raum, um Verschwendung zu treiben, gleich unten in der Halle, das ganze Treppenhaus hinauf und in den schwebenden Dachgarten Kasinos. Die Industrie in Zweckbauten und in der Repräsentation liefert ein Beispiel nach dem anderen für den gelungenen Modernismus der Baukunst. Die Flure sind still. Die dröhnenden Trommelkästen, durch die man alles hindurchhört, werden seltener. Nur