Wenn jeder, der die Wahl zwischen einem Gartenzwerg und einer Tanagrafigur hätte, den Zwerg stehenließe, wäre vieles leichter und alles besser. Wer einen guten Geschmack besitzt, leidet viel. Denn wir sind umgeben von Kitsch und von gedankenlos übernommenen und neu erdachten und verbildeten Formen. Rhythmus ist uns ein Urbedürfnis. Aber in unserer Umgebung Rhythmus und Schwung der Linien und Formen, der Farben und Gegenstände zueinander zu ordnen, dazu gehört ein sicherer Geschmack, um Harmonie und Wohlbefinden zu erzeugen.

Leider ist es den Menschen viel mehr gegeben, ja, ein Bedürfnis, Scheußlichkeiten herzustellen. Allerdings ist es ein Trost, daß der häßliche Gartenzwerg im Nachbargarten weniger stört, wenn man sich in seiner eigenen häuslichen Umwelt mit Schönheit und Kunst umgeben kann. Wer einen guten Geschmack hat, leidet nicht nur viel, er hat auch, leicht empfänglich und erregbar wie er ist, die höheren Genüsse.

Geschmack, auch guter Geschmack, ändert sich nicht nur mit der Zeit, er kann zum Glück auch allmählich erworben werden. Das macht hoffnungsvoll und optimistisch. Optimismus strahlt daher der Leiter des Kestner-Hauses in Hannover aus, der nicht nur ein begeisterter und fanatischer Interpret moderner bildender Kunst ist, sondern im Umgang mit den Mitgliedern der Kestner-Gesellschaft, die in wenigen Jahren von siebzig auf mehr als tausend anwuchsen, ein Kultur erzeugendes und förderndes Leben führt. Es ist sein Bemühen, Kunst und Gesellschaft wieder so zusammenzuführen, daß sie einander beleben und befruchten. Eben jetzt haben sich die hellen, in ihren Maßen sehr angenehmen Räume des Hauses, die meistens die Werke gegenstandsloser Malerei zeigen, mit einer Schau "Alte Möbel – neue Bilder" nahezu in beglückende Wohnräume verwandelt. Auch diese Ausstellung entstammt der Idee, die der Allgemeinheit schwer zugänglichen Bilder und Plastiken möglichst auch den Konservativen und Zurückhaltenden nahezubringen, ja, sie zu überlisten,und auch denen, die in ihrer Wohnungseinrichtung in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten leben, an überzeugenden Beispielen zu beweisen, daß heutige Kunst mit Formen und Gegenständen auch früherer Epochen gut zusammenklingen.

Dies ist also eine Ausstellung, die unsicheren Geschmack sicher machen will. Und vielleicht zum ersten Male in diesem Haus ist das Abstrakte so deutlich mit Konkretem gepaart. Alte Möbel, neue Bilder – gegenstandslose Malerei und ganz konkrete Gegenstände! Ein kleiner Schreibtisch aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit herausziehbarer Platte, über dem ein sehr schönes Bild von Fritz Winter hängt, gegenüber dem man allerdings die Scheu vor dem gar nicht einleuchtenden Titel "Leuchtend" überwinden muß, ist trotz der strengen regelmäßigen kleinen Karos der Intarsien und der schwingenden Linien der Bildkomposition darüber ein an die Wand gestelltes kluges Beispiel, wie man sich einrichten sollte, wenn man nur über die Mittel verfügt, und wie weit man gehen kann, wenn man nur Mut hat. Erhöht wird die Harmonie hier besonders durch den köstlichen Zusammenklang der Farben. Auch ein auf schwarzgelackten, sehr hohen, zarten, dabei formvollendeten und sehr phantasievollen Beinen schwebendes anmutiges Rokokotischchen, das mit einem Jünglingskopf Max Beckmanns, einem der klarsten und eindeutigsten Künstler unserer Zeit, zusammen wohl erschreckt, aber nicht schockiert, macht auf gewagte Möglichkeiten aufmerksam.

Besonderes Wohlgefallen erregt auch der Zusammenklang kleiner moderner Plastiken mit den alten schönen Möbeln: der lustige Schuhplattler von Gerhard Marcks auf einem englischen Nußbaumeckschrank aus dem 18. Jahrhundert, darin hinter der Glasscheibe eine Kuh von Mataré und eine Bronze "Stier" von Karl Hartung, neben einer Scherzflasche des 18. Jahrhunderts, einem Glasschweinchen. "Der Storchreiher", eine lebhafte Goldbronze von Philipp Harth, harmoniert köstlich mit der flammenden Birke eines Biedermeiersekretärs.

Ganz unversehens macht die Schau mit dem besonderen Charme mancher dieser erlesenen und wertvollen Möbel vertraut, die uns beweisen, daß wir mit unserem Erfindungsreichtum, ja, selbst mit unseren technischen Kniffen auf diesem Gebiet heute nicht gerade protzen können. Die lustige Verspieltheit eines sächsischen Schreibsekretärs erweckt Entdeckerfreude. Nach dem öffnen der Schreibplatte und der äußeren Türen läßt er nicht nur viele kleine Fächer und Kästen sehen, sondern innen kann man noch zweimal hintereinander kleinere Türen öffnen, bis man an ein Abteil gelangt, das mit seinen winzigen Schüben wie ein anmutiger Spielzeugladen wirkt. Wird man da nicht eingeladen, mit Geheimnissen zu kokettieren? Und ein harmloses rheinisches Kommödehen, ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert, verwandelt sich durch das Vorziehen einer weißen eingelassenen Platte und einen weiteren Handgriff, durch den ein Aufsatz mit vielen kleinen Schüben aus der Versenkung auftaucht, in einen Sekretär. Wieviel Anmut geht von diesem praktischen kleinen Gegenstand aus! Er stand vier Jahre lang unbemerkt in einem Antiquitätengeschäft und wurde hier gleich am ersten Ausstellungstag verkauft, ebenso wie andere kleine Möbel und einige Bilder. Der gute Zusammenklang dieser Ausstellung wirkt anregend und überzeugend.

Während einer Schau "Moderne Bilder für moderne Büros", die vor einiger Zeit in Hamburg stattfand und sehr viel erfolgloser verlief, gipfelten die Gegenargumente der Kaufherren und Industriellen, die ihre Kontore und Diensträume mit Bildern zeitgenössischer Künstler schmücken sollten, immer wieder in dem Satz "Aber das paßt nicht in mein Handelshaus mit seiner Tradition" – einer Tradition fünfzig- oder hundertjährigen Kohlen- und Kaffeehandels zum Beispiel. Häufigere Ausstellungen dieser Art werden vielleicht bewirken können, Bedenken zu zerstreuen. Man kann dort sehen und erleben, daß Altes sehr wohl zu Neuem passen kann. Und auch wer in seinem Inneren dem vorigen Jahrhundert oder noch früheren Zeiten angehört, kann sich mit dem Heute anfreunden. Eka v. Merveldt