Von Richard Tüngel

Hessen ist ein Sumpf, in zehn Jahren wird es Torf sein, aber mit dem möchte – ich nicht heizen – das war das bittere Resümee, das ein hessischer Beamter aus einem langen Gespräch über die hessische Verwaltung zog. Das rote Hessen! Schon dieser Name klingt wie von Skandalen umwittert. Eine eigenmächtige Politik der Sozialisierung, die gegen das Grundgesetz verstößt! Ein Staatsgerichtshof, der diese Politik für rechtens erklärt! Ein Verfassungsschutzamt, das einen französischen Agenten gegen die Bundesregierung einsetzt! Ein Polizeipräsidium – in Frankfurt am Main –, das in Skandale verwickelt ist. – Nun, es gibt einiges, was einem bei dem Wort "Rotes Hessen" einfallen könnte. Doch darf man solche Einzelfälle verallgemeinern? Kann man Staat und Verwaltung in Hessen wirklich als einen Sumpf bezeichnen? Und wie eigentlich denkt die hessische Bevölkerung über ihre Regierung und ihre Verwaltung?

Durch Frankfurt strömt ein Verkehr, von dem man, trotz aller den Fremden kurios anmutender Regelungsversuche, befürchten muß, daß er jederzeit die Ufer der Bordschwellen überfluten könnte. Da sind Lokale übervoll und neu gebaute Hotelpaläste mit ihren teuren Zimmern Tag für Tag von Managern und Bürokraten durch alle Etagen belegt. Die Wirtschaft laufe auf solchen Übertouren, so erzählt stolz ein Frankfurter Unternehmer, daß man an Lohn- und Gehaltsterminen das Geld aus dem Ruhrpott holen müsse, weil in der Stadt manchmal nicht mehr genug Barmittel vorhanden seien. Das ist wohl mehr gut erfunden als wahr, aber die Äußerung kennzeichnet, was die Frankfurter selbst von ihrer Konjunktur halten, die nach außen im Bauen und Zurechtputzen und in einen von den Rückschlägen in der Konsumgüterindustrie unbeirrten Optimismus zum Ausdruck kommt: es geht uns besser und besser, die Spesenkasse fließt reichlicher und reichlicher, auch die Mädchen werden hübscher und hübscher ...

Dieser Wirbel in Hessens einziger Großstadt – das kann nicht geleugnet werden – ist der Marktwirtschaft Erhards und Adenauers zu danken. Mag sein, daß manches, was hinter der Fassade liegt, nicht so glänzend ist. Aber Schwung gibt es hier, ohne Zweifel, und gerade in Frankfurt kann man sehen, wie die Bevölkerung diesen Schwung und diesen Optimismus genießt. Sie genießt ihn, – aber ihre politische Wahl läßt sie dadurch nicht bestimmen. Mitten im Trubel der Aufbaukonjunktur, die das zerstörte Frankfurt in wenigen Jahren von Grund auf verändert hat, ja, gerade auf ihrem Höhepunkt hat Hessen gewählt. Nicht Adenauer und Erhard, sondern Schumacher und Zinn! Im Landesparlament sitzt seither eine stabile sozialdemokratische Mehrheit.