Öffentliches Gespräch "Mensch und Technik" in Darmstadt

So begann’s: Hartlaub, Autor der These "Man malt und bildet, wie man aussieht!", sagte: "Nein, bei dem stimmt’s nicht!" und wies auf einen sehr korpulenten Mann mit mutwilligem weißem Haupthaar. Es war Alexander Calder, Schöpfer der weltbekannt gewordenen "Mobiles".

Nun hat sich die große Halle mit rund 1500 Hörern gefüllt; am Tisch in der Mitte des Saals nimmt schon der Kreis der Sprecher des ersten Tages Platz. Schuljugend hinter uns flüstert sich Namen zu. (Ganz Darmstadt lebt dies Gespräch mit; am Sonntag sagt uns der Kellner – wir hatten zu acht viel zu laut debattiert –: "Ich hörte Ihnen zu. Leben wir nicht in einer interessanten Zeit?")

Der erste Redner war ein Theologe. Die Technik, rief er aus, liegt auf der "Unheilslinie" der Menschheit, stammt von Kain. Der Sündenfall hat auch "die Technik pervertiert"; das Paradies ist längst verloren. Beweis: der babylonische Turmbau und sein Scheitern. Aber der "homo faber" – Hephäst, Wieland – ist auch im griechischen, im germanischen Mythus ein gelähmter, ein unvollkommener Mensch, von Geburt verdammt, tragisch verunstaltet. Denken Sie an Jünger, der schon vor 20 Jahren im "Arbeiter" schrieb: "Die Technik ist die entschiedenste antichristliche Macht, die bisher erschienen ist!"

Der nächste Sprecher, Professor Kraemer von der Technischen Hochschule Karlsruhe, gehört zu jenen Männern, die ihre Formung im optimistischen Beginn der Weimarer Republik erfahren haben. Er pries eine Technisierung aller Lebensverhältnisse, die mehr Muße schenken werde. Die Einführung des Fließbands, die menschliche Arbeit freisetzt, nannte er "religiös".Der Vierstundenarbeitstag werde kommen.

Und schon schlug der Pendel wieder zurück. Fedor Stepun erhob sich und bannte mit seiner gewaltigen Stimme und Erscheinung den Saal. Die Maschinentechnik baut nicht nur auf, sondern sie zerstört auch. Sie will uns beherrschen. "Wer religiös gestimmt ist, aber Gott verneint, verfällt den Dämonen!" rief Stepun, zu Kraemer gewandt, aus. Vor allem durch die Technik sind wir aus unversal tätigen Menschen "spezialistische Leistungssubjekte" geworden.

Ein Psychiater wies auf die seelisch-leiblichen Störungen hin, die beim spezialisierten Industriearbeiter auftreten. Der Mensch braucht die Arbeit, der Vierstundentag ist kein Ideal. In seiner Klinik beobachtete er an den Rekonvaleszenten aus den Großstädten, daß sie mit sich und ihrer Zeit nichts anzufangen wußten, während ein langsam gesundender Bauer oder Förster ein sehr viel ruhigerer Patient sei.