Von Walter F. Kleffel

Für den amerikanischen Boxer Rocky Marciano bedeutete die Ziffer 13 keine Unglückszahl. Im Gegenteil. Zwölf Runden lang diktierte im Weltmeisterschaftskampf der Neger Jersey Joe -Walcott Tempo, Angriff und Abwehr. In der ersten Runde mußte der neue Boxkönig bereits bis "vier" zu Boden gehen, und nach dem zwölften Gang glaubte niemand mehr im Municipal-Stadion von Philadelphia an seinen Sieg. Dann aber geschah das Unfaßbare, dann kam wie der Blitz aus heiterem Himmel jener mörderische Haken (oder war es ein Gerader? Man ist sich anscheinend darüber nicht einig), der genau den "Punkt" traf, den man fast unmerklich seitwärts der Kinnspitze fassen muß, will man einen klassischen K. o. erzielen. Diesmal gelang dieser Schlag, der die Sehnsucht jedes Boxers ist und der nur alle Jubeljahre einmal vorkommt. Joe Walcott verlor durch ihn die Krone des Boxsportes. Noch immer gilt der Titel im Schwergewicht als der höchste und sein Inhaber als der gefeierte Meister aller Klassen. Amerika jubelt, die Manager reiben sich vor Vergnügen die Hände, man kann sich vor Aufregung und Freude kaum fassen – denn seit 15 Jahren hat endlich wieder einmal ein Weißer gesiegt. Die Vorherrschaft der Farbigen war allmählich langweilig geworden. Nun wird das Geschäft wieder blühen, die Kassen sich füllen, das Publikum wieder Interesse an der Sache finden, bis eines Tages ein neuer Neger auftauchen wird und das Spiel von neuem beginnt...

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Ein Lob diesmal dem Deutschen Fußball-Bund. Er hat sich nunmehr ("endlich" werden viele sagen) entschlossen, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für die Sauberkeit im Fußball zu sorgen. Insbesondere will er den Amateurbestimmungen in vollem Maße wieder Geltung verschaffen, soweit diese im einzelnen unbeachtet bleiben. Begründet wird dieser Beschluß mit "verschiedenen Vorkommnissen in letzter Zeit". Wie man jedoch die Amateurbestimmungen bei Vertragsspielern wahren will, verrät der Bund nicht, und man darf mit Recht darauf gespannt sein, wie er diese Quadratur des Zirkels lösen wird. Von "Vorkommnissen in letzter Zeit" zu sprechen, mutet einen etwas eigentümlich an, denn die skandalösen Zustände, die nunmehr auch dem Vorstand des DFB auf die Nerven zu fallen scheinen, bewegen ja schon seit Jahren die Gemüter. Immerhin, der gute Wille ist zu loben. Wundern muß man sich allerdings darüber, weshalb der Fußball-Bund erst jetzt zu der Erkenntnis gekommen ist, daß schon der Versuch, Spieler durch Versprechungen von Arbeitsplätzen, Wohnung oder materiellen Vorteilen zum Vereinswechsel zu bewegen, ein Verstoß gegen die sportliche Grundhaltung ist, und es deshalb auch den Vereinen verboten wird, Anzeigen mit Spielerwerbungen in den Zeitungen aufzugeben. Vor einem Jahre las man das anders. Als wir damals das berüchtigte Inserat "Erstklassiger Mittelstürmer gesucht" niedriger hängen, wurden wir als "leichtfertig" gebrandmarkt und unser Bemühen um Ordnung und Sauberkeit als dem Sport schädlich bezeichnet...

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Das Länderspiel Frankreich–Deutschland wirft, wie man so zu sagen pflegt, "seine Schatten voraus". Sie stören den Präsidenten des französischen Fußballverbandes sehr. Zu dem Aufwand, mit dem man sich in Deutschland auf diese Begegnung vorbereitet, meint er mit Recht, daß man doch nicht aus einer Mücke einen Elefanten und aus einem simplen Länderspiel einen Staatsakt machen solle. Wer vermag ihm zu widersprechen? Wenn sich am kommenden Sonntag die deutsche Nationalmannschaft mit der französischen treffen wird, streiten sich doch wirklich nur 22 Spieler um einen Ball, und an den Beziehungen unserer beiden Völker zueinanderwird sich dadurch nicht viel ändern. Weder wird die Saarfrage gelöst, noch der Verteidigungsbeitrag und das Vereinte Europa unter Dach und Fach gebracht. Dennoch ist es gut, daß man sich auf dem Spielfelde begegnet, nur sollte man die Kirche im Dorfe und das Länderspiel eben nur Länderspiel sein lassen. Vielleicht auch haben die Franzosen ein wenig Angst vor einer deutschen Invasion, denn die 89 Freikarten, die allein für unsere Journalisten angefordert sind und die weit über das Fassungsvermögen der Presseloge hinausgehen, haben die Pariser Organisatoren dieses Kampfes in Verlegenheit gebracht. Soviel Pressefreikarten, schrieben sie, sind noch niemals angefordert worden...