Bei der Industrie sind sie höher als die Pflichtleistungen und betragen das Dreifache der Dividende

Wer sich näher mit den Geschäftsberichten der westdeutschen Industrie-Gesellschaften befaßt, wird die erfreuliche Feststellung machen, daß die Zahl der sozial aufgeschlossenen Unternehmer, denen die Berichterstattung über die sozialen Leistungen ihres Betriebs ein ernstes Anliegen ist, ständig wächst. Gut die Hälfte aller industriellen Aktiengesellschaften legt die zusätzlichen Aufwendungen zugunsten der Belegschaft im Geschäftsbericht oder in der Gewinn- und Verlustrechnung gesondert offen. Pioniere einer offenherzigen Sozialberichterstattung sind dabei in erster Linie die großen Unternehmungen, die heute fast ausnahmslos wertmäßige Angaben über ihre freiwilligen Sozialleistungen machen. Auf diese Weise ist es dem sozialpolitisch Interessierten möglich, einen Einblick in den Umfang der Freiwilligen Sozialaufwendungen und in ihr Verhältnis zu Löhnen und Gehältern und zur Dividende zu gewinnen.

Schwierigkeiten ergeben sich bei der Erfassung dieser Werte dadurch, daß die Unternehmungen den Begriff "freiwilliger Sozialaufwand" verschieden abgrenzen. Wie schwierig und uneinheitlich die Begriffsbestimmung der "freiwilligen sozialen Ausgaben" ist, zeigte sich auch auf der Tagung für Personal- und Sozialleiter, die die Arbeitsgemeinschaft für Soziale Betriebsgestaltung in diesem Frühjahr in Heidelberg veranstaltet hat. Aus diesem Grunde hinken alle zwischenbetrieblichen und branchenmäßigen Vergleiche der freiwilligen sozialen Aufwendungen. Ein Unternehmen, das beispielsweise pro Kopf der Belegschaft in einem Jahre Aufwendungen von 400 DM für soziale Zwecke ermittelt hat, kann unter Umständen mehr getan haben als ein Betrieb, der 420 DM errechnet. Trotz dieses Mangels bietet die diesen Ausführungen zugrunde liegende Untersuchung ein aufschlußreiches Bild von der Größenordnung der freiwilligen Sozialaufwendungen, weil eine Reihe von Firmen über ihre im Geschäftsbericht oder Jahresabschluß gemachten Angaben hinaus weitere Auskünfte über ihre zusätzlichen Sozialleistungen erteilt hat.

Aus den Unterlagen von 130 führenden westdeutschen Gesellschaften (128 Aktiengesellschaften und 2 Gesellschaften mit beschränkter Haftung) aller Industriezweige (ohne Bergbau und ohne Energieversorgung) ergibt sich, daß sich die freiwilligen Sozialaufwendungen dieser 130 Gesellschaften in ihren beiden ersten Geschäftsjahren nach der Geldreform bei einer Lohn- und Gehaltssumme von 3756,2 Mill. DM auf 453,6 Mill. DM belaufen, während die gesetzlichen Sozialabgaben 359,0 Mill. DM betragen. Die freiwilligen Leistungen übersteigen somit die Pflichtleistungen um 26 v. H. Im Durchschnitt stellen sich die sozialen Zusatzaufwendungen auf 12,1 v. H. der ausgewiesenen Löhne und Gehälter.

Als zusätzliche Sozialaufwendungen gelten Sonderleistungen, die das Unternehmen, ohne daß es dazu gesetzlich oder tariflich verpflichtet ist, zugunsten der Belegschaft oder deren nächsten Angehörigen aufwendet. Die zusätzlichen Sozialaufwendungen erstrecken sich hauptsächlich auf vier Hauptgruppen, nämlich auf Barzuwendungen (z. B. Weihnachts- und Abschlußgratifikationen, Heirats-, Geburts- und Kinderbeihilfen, verlorene Baukostenzuschüsse), auf indirekte Geldleistungen (Zuschüsse für die Werkskantine, für Arbeitskleidung u. a.), ferner auf Aufwendungen, die dem Betrieb dadurch entstehen, daß sein soziales Anlagevermögen (beispielsweise Werkswohnungen oder ein Erholungsheim) kostenlos oder verbilligt von der Belegschaft benutzt wird, und schließlich auf Zuwendungen an rechtlich selbständige Pensions- und Unterstützungskassen oder an versicherungsmathematisch errechnete Pensionsrückstellungen, die für die Altersversorgung der Betriebsangehörigen bestimmt sind. Daraus geht hervor, daß die im Vermögen der Unternehmung verbleibenden (aktivierten) Ausgaben für den Neubau betriebseigener Wohnhäuser und sonstiger Gegenstände des sozialen Anlagevermögens sowie die den Arbeitnehmern gewährten Baudarlehen als zusätzliche Sozialaufwendungen nicht anrechnungsfähig sind.

Erhebliches Gewicht gewannen nach der Währungsumstellung die Zuwendungen an Sozialkassen und die Zuweisungen an die Rückstellungen für Alters- und Hinterbliebenenfürsorge. Viele Betriebe waren in den letzten Jahren bestrebt, diese Sozialeinrichtungen, deren Mittel durch die Währungsreform zum größten Teil vernichtet worden sind, durch verhältnismäßig hohe Zuweisungen wieder aktionsfähig zu machen. Man kann diese Zuweisungen, wenn man berücksichtigt, daß sie in Einzelfällen nicht besonders ausgewiesen werden, sondern in der Gesamtsumme des zusätzlichen Sozialaufwands enthalten sind, auf ein Viertel der gesamten freiwilligen Sozialleistungen veranschlagen. Von den 130 Gesellschaften gaben nämlich 75 Firmen die Zuwendungen an ihre Sozialeinrichtung für die beiden ersten Rechnungsjahre nach dem Geldschnitt mit 107,4 Mill. DM an, das sind 23,7 v. H. der gesamten freiwilligen Sozialleistungen der 130 Unternehmungen.

Für den gleichen Zeitraum haben von den untersuchten 130 Gesellschaften 75 einen Dividendenbetrag (vor Abzug der Kapitalertragsteuer) von 163,4 Mill. DM ausgeschüttet. Zugunsten der Belegschaft aber wurde fast das Dreifache dieses Betrages aufgewendet. Bemerkenswert ist, daß von der Dividendensumme von 163,4 Mill. DM nur 55,3 Mill. DM auf das erste (meist verlängerte) Geschäftsjahr und 78,1 Mill. DM auf das zweite, jeweils 12 Monate umfassende Berichtsjahr entfallen. Diese Zahlen lassen erkennen, daß sich die Ertragslage der westdeutschen Industrie im zweiten Geschäftsjahr nach der Geldumstellung (1950 oder 1949/50) wesentlich gebessert hat. Als Folge der günstigen finanziellen Entwicklung ist die durchschnittliche Dividende der erfaßten 130 Gesellschaften, die ein Grundkapital von 2318,2 Mill. DM repräsentieren, auf 3,4 v. H. gestiegen. Zugenommen hat aber nicht nur die Verzinsung des Grundkapitals, sondern auch der Anteil der sozialen Sonderleistungen an der Lohn- und Gehaltssumme, denn dieser stellte sich im zweiten Geschäftsjahr auf 12,5 v. H. gegenüber 11,7 v. H. im ersten Berichtsabschnitt.

Dividendenhöhe und Umfang des im Interesse der Arbeitnehmer gemachten zusätzlichen Sozialaufwandes sind nicht nur von Industriegruppe zu Industriegruppe, sondern auch in der gleichen Sparte von Betrieb zu Betrieb sehr verschieden. Besonders interessant ist, daß die Kautschukindustrie mit der höchsten Kapitalverzinsung – sie stellt sich für 1950 auf 6 v. H. – auch den höchsten Satz an freiwilligen Sozialaufwendungen (23 v. H. der Löhne und Gehälter) an ihre Belegschaften leistete. Eugen Laun